Unser Neuer in der Tourist-Info: echt Lessi(n)g!

Darf ich vorstellen? Unser neuer Mitarbeiter in der Tourist-Information auf dem Stadtmarkt heißt Lessing, Gotthold Ephraim Lessing! Weshalb er diese Stelle bekommen hat, wie sein erster Tag bei uns verlief und wie wir seine Zukunftsperspektiven bei uns sehen, will ich euch in diesem Beitrag erzählen.

Die Vorgeschichte: Schon lange wünschen sich meine drei Mitarbeiterinnen und ich einen richtigen Mann in unserem Büro. Einen, der uns versteht, auf uns aufpasst, eine gewisse Autorität besitzt, gut aussieht, uns wichtige Werte wie Toleranz und Kritikfähigkeit vermittelt, bei dem aber auch die Lust am Spiel nicht zu kurz kommt und der uns nach Arbeitsende auch mal zu einem Glas Wein einlädt. Gibt es überhaupt so einen Mann, der idealerweise auch keine Widerworte hat, wenn wir doch unser Ding machen??? Der Zufall sollte uns helfen, ihn zu finden.

Die Tourist-Info & Theaterkasse: Hier soll der neue Kollege arbeiten © Stadt Wolfenbüttel, Fotograf: Donata Sengpiel-Schröder
Die Tourist-Info & Theaterkasse auf dem Stadtmarkt: Hier soll der neue Kollege arbeiten               © Donata Sengpiel-Schröder, Stadt Wolfenbüttel

Das erste Aufeinandertreffen: Vor ungefähr einem Jahr war ich in den Kellerräumen der Lindenhalle, wo sich Lagerräume für unsere touristischen Prospekte befinden. Natürlich habe ich mich in diesem Labyrinth mal wieder verlaufen und da sah ich ihn: Er lag etwas untätig herum, sprach kein Wort, aber seine Aura hat mich sofort umgehauen. Der passt zu uns, war mein erster Gedanke, wir sind doch jetzt Lessingstadt Wolfenbüttel. Und ich begann ein Verhandlungsgespräch mit ihm. Als erstes interessierte mich natürlich, was er bisher so alles gemacht hatte…

Sein Lebenslauf: Sein genaues Geburtsdatum steht nicht fest, aber er wurde anlässlich seines 100. Todestages im Jahr 1881 (ja, er hat schon mal gelebt!) durch Spenden gezeugt. Sein Vater war der Bildhauer Professor Dr. Werner Stein, von seiner Mutter ist leider nichts bekannt. Seine erste Anstellung hatte unser neuer Mitarbeiter dann in der neu erbauten Herzog August Bibliothek. Sein Platz war in der Augusteerhalle auf einer Balustrade, von wo er Mitarbeiter und Bücher jederzeit im Blick hatte. Ein Zeugnis von 1894 bestätigt seine dortige Anstellung als Aufsichtspersonal. Durch verschiedene Bauarbeiten und Umgestaltungen in der Bibliothek endete seine Arbeit dort Anfang der 1970er Jahre.

In der Herzog August Bibliothek hatte unser neuer Kollege seine erste Anstellung
In der Herzog August Bibliothek hatte unser neuer Kollege seine erste Anstellung                             © Susanne Hübner, Stadt Wolfenbüttel

Sein damaliger Chef, der Bibliotheksdirektor Paul Raabe, entließ ihn, sorgte aber dafür, dass er eine Arbeit auf Zeit bei der 1971 gegründeten Lessingakademie erhielt. Als diese Anfang der 1990er Jahre umziehen musste, verlor unser neuer Kollege wieder seine Anstellung. Aber eine weitere kulturelle Einrichtung nahm den mittlerweile hochgebildeten Herrn auf: Dr. Grote vom Schlossmuseum bot ihm eine neue Arbeit an, allerdings nicht im Schloss, sondern im Lessingtheater. Dort verbrachte er angenehme Jahre, konnte unzählige Theateraufführungen miterleben und mit gebildeten Besuchern fachsimpeln. Bis zur Schließung des Theaters aus Brandschutzgründen im Jahr 2007 war er einer der beliebtesten Mitarbeiter unter den Kolleginnen und Kollegen. Danach folgte der Absturz. Trotz seiner hohen Qualifikationen landete er – nicht unter einer Brücke -, sondern, auch nicht gerade herrschaftlich, in den Kellerräumen der Lindenhalle, wo ich ihn in einem erbärmlichen Zustand vorfand …

Im Lessingtheater verbrachte unser Neuer unvergessliche Jahre © Stadt Wolfenbüttel, Fotograf: Christian Bierwagen
Im Lessingtheater verbrachte unser Neuer unvergessliche Jahre © Christian Bierwagen, Stadt Wolfenbüttel

Sein neuer Arbeitsvertrag: Mein Angebot, ihm eine neue Arbeit in der Tourist-Information seiner Lessingstadt Wolfenbüttel zu geben, nahm er dankbar an und verzichtete sogar auf eine Gehaltsforderung. Dafür versprach ich ihm ein lebenslanges Daseinsrecht in unserem Büro, täglich viele Gäste, die ihn bewundern und eine Garantie, dass er auch im hohen Alter mit unserer Pflege rechnen kann. Dazu konnte er nicht nein sagen und unterschrieb flugs den Vertrag. Durch sein hohes Alter und den langen Aufenthalt im kühlen Keller war er aber nicht mehr sehr mobil. Ich begann, mich um eine kurze Reha-Maßnahme für ihn zu kümmern…

Sein erster Arbeitstag: Dieser Tag wird für mich und meine Mitarbeiterinnen sowie für die Damen der Theaterkasse, mit denen wir uns das Büro am Stadtmarkt teilen, unvergesslich bleiben. Es war Freitag, der 22. Juli 2016. Ein schwülheißer Tag. Wir hatten uns darauf geeinigt, dass der Neue gegen Mittag zu uns kommen sollte. Die über uns bezahlten Reha-Maßnahmen bei den Firmen Kraft und Vetterkind hier in Wolfenbüttel schienen erfolgversprechend verlaufen zu sein. Jetzt waren wir alle gespannt, wie sein erstes Auftreten bei uns sein würde… Er kam mit einem Großraum-Taxi der Firma Kraft vorgefahren, das direkt vor unserem Büro auf dem Stadtmarkt hielt.

Mit diesem "Taxi" kam der neue Kollege vorgefahren © Stadt Wolfenbüttel, Fotograf: Donata Sengpiel-Schröder
Mit diesem „Taxi“ kam der neue Kollege vorgefahren © Donata Sengpiel-Schröder, Stadt Wolfenbüttel

So ganz toll konnte die Reha doch nicht verlaufen sein, denn er musste von seinen drei kräftigen Pflegern Alexander, Hannes und Kevin und mit Hilfe eines Krans aus dem Taxi gewuchtet werden. Das war ihm sichtlich peinlich, aber man sieht ihm seine 250 kg Gewicht auch nicht an… Als er dann noch auf eine Art Schubkarre gelegt wurde, um ihn in unser Büro und hinunter in das Souterrain zu bugsieren, wo wir seinen Arbeitsplatz eingerichtet hatten, war er so verschämt, dass er kein Wort mehr hervorbrachte.

Unser Neuer auf dem Weg zu seinem vorgesehenen Arbeitsplatz © Stadt Wolfenbüttel, Fotograf: Donata Sengpiel-Schröder
Unser Neuer auf dem Weg zu seinem vorgesehenen Arbeitsplatz © Donata Sengpiel-Schröder, Stadt Wolfenbüttel

Dafür waren Alexander, Hannes und Kevin am Stöhnen, weil es so heiß war und er so schwer. Durch den Anblick dieser drei Männer mit ihren fast nackten Oberkörpern, die vor Schweiß nur so glänzten, überlegten meine Mitarbeiterinnen kurz, ob wir mit unserem Neuen doch die richtige Wahl getroffen haben… Aber nein, Gotthold war schon der Richtige für uns! Letztendlich war es geschafft, ihn auf seinen Arbeitsplatz zu bringen, auch weil der Chef der Firma Kraft, Frank, ordentlich mit Worten half. Von Blitz und Donner begleitet, ein mächtiges Gewitter tobte vor der Tür, konnte Lessing nun endlich seinen neuen Arbeitsplatz in Beschlag nehmen.

Auch der Chef half dabei, Lessing zu seinem Arbeitsplatz zu bringen ©Stadt Wolfenbüttel, Fotograf: Donata Sengpiel-Schröder
Auch der Chef der Firma Kraft half dabei, Lessing zu seinem Arbeitsplatz zu bringen © Donata Sengpiel-Schröder, Stadt Wolfenbüttel

So, jetzt kehrte erstmal Ruhe ein in unserem Büro. Die erste Stunde verbrachten meine Mitarbeiterinnen und ich damit, ihm beim Einrichten seines Platzes zur Hand zu gehen. Ein paar Bücher (gern was über oder von Lessing), ein bisschen Blumenschmuck, das Licht richtig positionieren, Fenster schließen, um gefährliche Zugluft zu vermeiden… Er scheint ja doch ein wenig penibel zu sein, dachten wir. Aber es scheint ihm doch so gut in unserem modernen Büro zu gefallen, dass er abends gar nicht mehr nach Hause will… Nun gut, wir bieten ihm statt eines Gehaltes eben auch Kost und Logis. Jedenfalls haben wir beschlossen, dass wir ihn auf gar keinen Fall in irgendeiner Weise kritisieren oder vertreiben, denn schon am ersten Tag waren die Besucher unseres Büros hin und weg von ihm ….waren fasziniert von seiner Anwesenheit. So hatten wir es viel leichter, mit ihnen über die kulturellen Schätze unserer Stadt zu sprechen und unsere passenden touristischen Angebote anzubieten… Und wer schaute da nicht so alles in den nächsten Tagen vorbei …

Passt Lessing nicht wunderbar zu uns? © Stadt Wolfenbüttel, Fotograf: Donata Sengpiel-Schröder
Passt unser neuer Mitarbeiter nicht wunderbar zu uns und unser Büro? © Donata Sengpiel-Schröder, Stadt Wolfenbüttel

Seine Zukunftsperspektiven: Wir waren ja am Anfang recht skeptisch. Fühlt er sich bei uns wohl, kommen wir mit ihm zurecht, was sagen unsere anspruchsvollen Besucher und Bürger zu ihm …? Alles Schnee von gestern. Unsere Gäste lieben ihn. Alle finden es toll, dass man Gotthold nun ohne Eintritt und dazu noch sechs Tage die Woche einfach bei uns besuchen kann. Ich glaube, unsere Tourist-Info wird noch eine richtige Pilgerstätte für alle Lessingfreunde. Er überlegt gerade, ob er sich Autogrammkarten anfertigen lassen soll. Ein echter Sonnenschein eben, unser neuer Kollege. Da müssen meine Mitarbeiterinnen und ich uns ganz schön anstrengen, damit man uns auch noch bemerkt. Doch wir haben eine Absprache mit unserem neuen Kollegen getroffen: Da es bei ihm in den letzten Jahren mit der Sprache immer mehr hapert, übernehmen wir eben das Reden mit den Gästen. Da wir das nun geklärt haben, prophezeie ich uns noch viele gemeinsame Jahre.

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