Andrea Pfeiffer-Haats vom Dekogeschäft natürlich NORDISCH.

Stöbern und schnacken – »natürlich NORDISCH«

Zum Auffrischen meiner Urlaubserinnerungen an die Küste oder um mir Lust auf eine neue Auszeit am Meer zu machen besuche ich heute einen kleinen Laden im Norden von Wolfenbüttel. Ich bin mit der Besitzerin Andrea Pfeiffer-Haats verabredet. Ihr gehört der neue Laden mit dem schönen Namen »natürlich NORDISCH«.

Vor gut einem Jahr hat sie in einem Außenbezirk wieder für ein Stückchen mehr Belebung gesorgt. Auf der Kleinen Breiten – im oberen Teil der Straße – sorgt sie mit ihrem Geschäft für nordische Stimmung und damit für einen Lückenschluss im Einzelhandel. Ihre direkten Nachbarn sind links, eine Filiale der Richter Altstadtbäckerei und rechts, der Kopier- und Schreibwarenladen von Birgit Henke. Es ist herrliches Wetter: Blauer Himmel, Wärme, dazu ein bisschen Wind. Wenn ich die Augen zumache und mir die Sonne ins Gesicht scheinen lasse, könnte ich mich auch auf Sylt oder Norderney wähnen. Beim Betreten des Ladens reibe ich mir verwundert die Augen.

Bei Andrea Pfeiffer-Haats wird man mit einem freundlichen »Moin« begrüßt.
Bei Andrea Pfeiffer-Haats werden Kunden mit einem freundlichen »Moin« begrüßt. © Andreas Molau, Stadt Wolfenbüttel

Nordisch breit – auch das Angebot

Andrea Pfeiffer-Haats räumt in einem hinter der Kasse gelegenen Raum auf. Die Tür des kleinen Geschäfts mit den großen Schaufenstern steht sperrangelweit auf und lässt den Frühling in den Verkaufsraum. Eine kurze Meldung von hinten signalisiert mir: Die Einzelhändlerin hat mich gehört. Ich schaue mich zunächst etwas um. Der Raum ist nicht groß, aber beherbergt eine Fülle von Sachen, die ich nur als schön bezeichnen kann. Eigentlich gehöre ich zur Toskana- und Gardasee-Fraktion. Aber natürlich habe ich auch an die Nord- und Ostsee viele persönliche Erinnerungen. Unter all diesen hübsch dekorierten kleinen Dingen fühle ich mich sofort wohl. Vor dem großen Mitteltisch liegt ein Boot, das als Schatzkiste dient.

Vor dem Mitteltisch im Verkaufsraum dient ein Boot als Schatzkiste.
Alles an Bord? © Andreas Molau, Stadt Wolfenbüttel

Alle Produkte sind in blauen und grauen Farben gehalten: Geschirr und Dekoteile gibt es hier, aber auch ungewöhnliches wie »Flensburger Wasser«, Labskaus in Dosen oder witzige Spruchschilder. Zwar bin ich in meiner Familie nicht für die Dekoration verantwortlich, aber bei »natürlich NORDISCH« würde selbst ich etwas Passendes finden.

»Kruschig« ist nicht erwünscht

Während ich noch aufmerksam das Angebot betrachte, ist Andrea Pfeiffer-Haats inzwischen unbemerkt in den Verkaufsraum gekommen. Ich bin so vertieft, dass ich sie gar nicht bemerke. Eine Kundin stöbert ebenfalls eifrig und ist gleich fündig geworden. Die »natürlich-NORDISCH-Macherin« passt perfekt in ihr Geschäft. Sie spricht mit einem typisch norddeutschen Dialekt. Es heißt ja, dass Nordlichter sprechfaul und mürrisch sind. Von den Ostfriesen, die gern »kaulen«, kann ich das aus Erfahrung nicht bestätigen. Und auch in Nordenham werden Fremde offenbar wortreich begrüßt, denn von dort kommt auch Andrea Pfeiffer-Haats. Ich werde von ihr herzlich mit einem fröhlichen »Moin« willkommen geheißen.

Sie ist nordisch blond und lacht fröhlich, während sie vor der Tür eine Bank frei räumt. »Das ist heute ein bisschen kruschig«, entschuldigt sie sich bei mir. Der Begriff »Kruschig «, dass weiß ich von einer Freundin aus Hamburg, heißt so viel wie unaufgeräumt. Vor dem Schaufenster stehen Kisten auf dem Boden, in denen Geschirr und Kleinteile angeboten werden. »Ich hatte zum Einjährigen einen Schnäppchenmarkt und bin noch nicht dazu gekommen, den ganzen Kram wegzuräumen«, sagt sie.

Von Nordenham über Umwege nach Wolfenbüttel

Montag und Dienstag sind bei »Natürlich Nordisch« Ruhetage. Da kümmert sich die »Dekotante«, wie sie sich selbst im Gespräch lachend bezeichnet, um die Buchführung und um ihr Zuhause. Dass es sie und ihren Mann mit Tochter in die Lessingstadt gespült hat, ist eine bewegte Geschichte. Das Ehepaar kommt aus Nordenham, hat sich dort aber nur kennengelernt. Da ihr Mann in Braunschweig studierte, sei sie in dieser Zeit ins Braunschweiger Land umgezogen. Das war Mitte der 90er Jahre. Damals wohnten sie für zwei Jahre in Groß Denkte an der Asse. Ihr Mann, erzählt Andrea Pfeiffer-Haats, fing direkt nach dem Studium an in der Uni zu arbeiten. Uni-Arbeit bedeutet in der Regel eine örtliche Veränderung. Deshalb zog das Paar bald wieder aus der Region weg – nach Mittelhessen. Insgesamt wohnte Andrea Pfeiffer-Haats fünfzehn Jahren viel zu weit weg vom Meer. Trotzdem war es eine zwiespältige Nachricht, als ihr Mann eine Professorenstelle an der Wolfenbütteler Fachhochschule angeboten bekam. »Ich hatte mir ein kleines Modegeschäft aufgebaut. Außerdem bedeutete der Umzug, dass wir viele Freunde und Bekannte zurücklassen mussten. Es war nicht einfach für uns, das alles aufzugeben«, gibt sie zu.

Der Anker ist ein beliebtes norddeutsches Symbol und oft in dem Laden von Andrea Pfeiffer-Haats zu finden.
In Wolfenbüttel ist Andrea Pfeiffer-Haats vor Anker gegangen. © Andreas Molau, Stadt Wolfenbüttel

Endlich zuhause…

Statt für die Karriere hat sich Andrea Pfeiffer-Haats für ihre Familie als Lebensschwerpunkt entschieden. Trotzdem war sie schon immer aktiv. Auch, als sie vor über fünf Jahren in die Lessingstadt kam. »Damals startete die Kampagne „Endlich zuhause“ in Wolfenbüttel. Das war für mich wie ein Motto. Definitiv würde Wolfenbüttel unsere letzte Station sein, also konnten wir es uns hier nun richtig häuslich machen«, meint sie. Wolfenbüttel empfindet sie als absolut ideal. Die Stadt liegt nördlich, und von hier sind viele Ziele in kurzer Zeit erreichbar, wie zum Beispiel das Meer. Zwar liegt die Stadt nicht sehr weit im Norden, aber ein bisschen nordische Atmosphäre ist doch zu spüren. Es dauerte noch eine ganze Weile, bis sie das passende Ladengeschäft für sich gefunden hatte. »Ich habe erst in meinem gelernten kaufmännischen Beruf, aber auch im Bereich Einzelhandel/ Dekoration gejobbt. Aber das hat mir nicht so gut gefallen«, erinnert sie sich. Damit meint sie vor allem die Arbeitsbedingungen und nicht nur die Bezahlung. Um das Geschäft, was außerhalb der Wolfenbütteler Innenstadt zum Stöbern einlädt, hat sie eine ganze Zeit herumgestrichen. »Ich hatte eine Idee mit nordischen Sachen. Aber es hat noch eine Weile gedauert, bis das Konzept in meinem Kopf fertig war«, erklärt sie mir. Da sie in der Nachbarschaft zum Laden auch wohnt, konnte sie sich langsam mit der Idee anfreunden. »Es gibt ja heute alle möglichen Läden mit beispielsweise asiatischen, mediterranen oder polnischen Spezialitäten. Neben Feinkostprodukten werden dort meist auch typische Waren angeboten. Also habe ich mich selbst gefragt: Warum sollte ich nicht einen Spezialitätenladen mit nordischen Produkten eröffnen? «, denkt sie glücklich an ihre Gründungsidee zurück.

Trendscouts, Messen und Internet

Nach einem Dreivierteljahr wurde dann aus ihrer Idee endlich Wirklichkeit. Gespräche mit der Stadt und mit dem Vermieter, Besuche auf Messen – das war die Vorarbeit, um erst mal ein ausreichendes Warenangebot zu bekommen. Zu Beginn war sie sich gar nicht klar darüber, wie viel Energie nötig ist und was alles dahintersteckt, um einen Laden in ihrer Größe voll zu bekommen. »Am Anfang hatte ich noch nicht so viel Auswahl wie heute«, räumt sie ein. Entsprechende Messen besuchte sie bereits vorher oft, weil sie schon immer eine Vorliebe für Dekoration hatte. Seit der Geschäftseröffnung sei die Recherche im Internet dazu gekommen. Außerdem kann sie auf eine fleißige Riege von freiwilligen Trendscouts zurückgreifen: »Meine Schwester in Schleswig-Holstein und viele Freundinnen geben mir immer wieder Anregungen für neue Sachen. « Auch im Gespräch mit ihren Kunden wird so manche Anregung gegeben. Der Laden lädt dazu ein über Erinnerungen und Urlaube zu sprechen. Aus Erfahrungen und interessanten Urlaubserinnerungen entstehen manchmal neue Ideen, die das bisherige Sortiment ergänzen. »Der Norden ist ein positives Thema. Ich habe hier sehr oft Menschen mit ausgelassener Laune. Eine ideale Situation«, schwärmt sie. Weil das Geschäft gut angelaufen ist, hat sie mittlerweile auch eine Hilfe im Laden.

Alles im Laden von Andrea Pfeiffer-Haats ist in nordischen Blau- und Grautönen gehalten.
Andrea Haats-Pfeiffer hat auch ihre »Trendscouts«, die ihr immer wieder neue Anregungen geben. © Andreas Molau, Stadt Wolfenbüttel

Nicht nur Verkauf

»Nach etwa einem halben Jahr habe ich eine Freundin als Mitarbeiterin eingestellt. Wir sind gut auf einander eingespielt und es macht Spaß zusammen zu arbeiten«, lobt sie ihre Kollegin. Nach einem Jahr hat Andrea Pfeiffer-Haats ein richtig gutes Gefühl. »Mich haben Leute gefragt, warum ich am Anfang nicht viel Werbung gemacht habe«, erzählt sie. Das sei nicht so ihre Art. Bodenständig wie sie ist, wollte sie sich erstmal selbst beweisen, dass ihr Laden läuft. Nach einem Jahr ist sie zufrieden, dass sie durchgehalten hat. Andrea Pfeiffer-Haats ist bei Facebook aktiv und hat sich durch Mund-zu Mund-Propaganda einen Namen in der Lessingstadt gemacht. »Das ist hier zwar nicht die A- oder B-Lage und vielleicht auch nicht die C-Lage. Aber ich fühle mich hier wohl«, sagt sie, während sie behaglich die Füße ausstreckt und sich in der Sonne reckt. Inzwischen sind wieder Kunden gekommen, die in aller Ruhe stöbern. »Auch neben dem Verkauf ist der Laden lebendig«, berichtet sie und macht sich auf in den Ladenraum. Es gibt Mädelsabende – wo die Frauen sich vermutlich ungestört über die wichtigen Dinge austauschen können, Labskaus-Verkostungen oder eben den Schnäppchenmarkt. Aber bei allem Ehrgeiz ist das ganze nordische Geschäftskonzept trotzdem locker.

Immer auf der Suche nach Neuem

Wenn der Stress mit dem Jubiläumsfest und der Presse vorbei ist, zwinkert sie mir zu, fährt sie erst mal in den Urlaub. Ihre Familie besuchen und ein bisschen unterwegs sein – in Norddeutschland natürlich. Und dann ein Wochenende in Sankt Peter Ording. Ohne Kind und Mann – seit langer Zeit mal wieder ganz alleine. Aber ich kann mir gar nicht vorstellen, wie sich Andrea Pfeiffer-Haats mit nichts beschäftigen könnte. Bestimmt entdeckt sie an der Küste eine kleine Manufaktur mit schicken Sachen.

Maritime Schlüsselanhänger als Erinnerungen für unterwegs.
Maritime Erinnerungen für unterwegs. © Andreas Molau, Stadt Wolfenbüttel

Wir verabschieden uns. Ich stöbere noch etwas und suche schöne Fotomotive – davon gibt es hier genug, während sich Andrea Pfeiffer-Haats den Kunden zuwendet. Alltagsgeschichten aus der Stadt sind das Gesprächsthema, Stromausfall, Innenstadt, Grillsaison und natürlich Urlaub. Nach unserem Gespräch bin ich ebenfalls überzeugt davon, dass »natürlich NORDISCH« als Thema tatsächlich gut nach Wolfenbüttel passt. Das nächste Mal werde ich diesen Laden ohne Notizbuch und Kamera besuchen. Sicherlich werde ich für mich oder für jemand anderen etwas Besonderes hier finden.

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