Karl-Heinz Stahlmann von dem Bekleidungsgeschäft Stahlmann.

Stahlmann: von Kopf bis Fuß gut angezogen

Seit dem 14.2.2014 gibt es bei Stahlmann auf der Wolfenbütteler Langen Herzogstraße alles, was man(n) so braucht. Von der Socke bis zum Anzug…

»In Wolfenbüttel kriegst du nichts!«, das höre ich immer wieder. Und noch häufiger wird diese Aussage in jeder möglichen Variante als Kommentar in den Spalten der sozialen Netzwerke abgesetzt. Meine regelmäßige Frage darauf, »Was suchst Du denn?«, zeigt meist: Das Gesuchte gibt es auch in der Lessingstadt.

Neulich war es umgekehrt. Bei einem Bier erzählte mir ein Bekannter: »Du, jetzt brauche ich gar nicht mehr nach Braunschweig zu fahren.« Er war bei Stahlmann in der Wolfenbütteler Innenstadt und hatte sich von Kopf bis Fuß neu eingekleidet.

Als ich Karl-Heinz Stahlmann diese Geschichte erzähle, lacht er. Wir sitzen in der Kanzleistraße. »Das waren eigentlich früher zwei Grundstücke«, klärt mich der Modefachmann gleich bei der Begrüßung auf. Sein Geschäft, das er mit seiner Frau Maritta seit 2014 in Wolfenbüttel führt, ist gleich das zweite auf der Langen Herzogstraße. »Hier hinter dem Tresen floss die Oker und da fängt eigentlich die Kanzleistraße an«, schmunzelt der Geschäftsinhaber und Kaufmann, während wir eine kleine Treppe auf die zweite Ebene gehen. Ich bekomme den gemütlichen Besuchersessel für bummelmüde Zeitgenossen. Karl-Heinz Stahlmann setzt sich auf den Stuhl. Die Klimaanlage sorgt für ein angenehmes Klima, das einer verirrten Wespe wohl zu kühl ist. Sie sucht beständig den Weg nach draußen, während wir uns unterhalten. Ich sitze zwischen Anzügen, Pullovern und Hemden. Die Einrichtung wirkt zeitlos modern. »Sie werden lachen. Genau das höre ich auch immer wieder, wenn die Leute erst einmal hier waren. Denn vom Hosenträger, über T-Shirts, Polohemden, Anzügen, Krawatten, bis zu Unterwäsche, ja sogar Schlafanzügen haben wir alles, was der Mann braucht. Wir kleiden sozusagen von Kopf bis Fuß ein«, berichtet Stahlmann selbstbewusst.

Stahlmann: Eine gute Adresse auf der Langen.
Stahlmann: Eine gute Adresse auf der Langen. © Andreas Molau, Stadt Wolfenbüttel

Der Weg nach Wolfenbüttel

Er zögert einen Augenblick und schränkt dann ein: »Bei Krawattennadeln schicken wir die Kunden zum Juwelier. Die bekomme ich im Moment nicht.« 2014 Neueröffnung – da könnte der Neugierige meinen, bei den Stahlmanns handelt es sich um Neulinge. Und auch wenn der Geschäftsinhaber sehr agil wirkt: Die weißen Haare verraten, dass er schon ein paar Jahre dabei sein muss. »Als wir im September 2012 diese leer stehende Immobilie fanden und uns für Wolfenbüttel entschieden, da war das schon verrückt. Andere hätten in dieser Zeit eher an Rente gedacht«, erinnert er sich. Seit Jahren sei er mal wieder durch die Innenstadt geschlendert und habe den Laden mit der Hausnummer 2 entdeckt. »Ich habe sofort die Telefonnummer angerufen, die dort stand und wir haben einen Termin ausgemacht«, so Stahlmann. Drei Monate später, im Februar, sei dann Eröffnung gewesen. Nicht ideal für eine Neueröffnung, räumt er ein. Aber dem Erfolg tat das keinen Abbruch. »Es ist ein bisschen so gewesen, als wären wir nach Hause gekommen«, schwärmt der Modemann. Bis heute verlaufe die Kurve nach oben. »Wenn es etwas nicht gibt in Wolfenbüttel, dann war das vorher eine bewusste Entscheidung der Kunden, die es hier nicht gekauft haben«, greift Karl-Heinz Stahlmann den Faden vom Anfang wieder auf. Insofern machen er, seine Frau und die Mitarbeiter alles richtig. Denn hier bekommt »man(n)« ja alles. Dass die Einschätzung »nach Hause kommen« passt, erläutert der seit 40 Jahren in Börßum Lebende.

Der Anfang bei Bähr

Angefangen habe alles, oder zumindest das, was den Kaufmann Karl-Heinz Stahlmann anbetrifft, 1970. »Damals war das Angebot von inhabergeführten Modegeschäften in Wolfenbüttel noch riesig. Ich erinnere mich an Streblow, Schäfer, Gerdei, Jochmann oder Bähr«, blickt er zurück. Bähr war seine erste Adresse. Eigentlich habe seine Klassenlehrerin schon eine Banklehre für ihn ausgemacht, schmunzelt Stahlmann. Aber so recht konnte er sich damit nicht anfreunden, obwohl Mathematik eines seiner Lieblingsfächer war. Die Berufsberatung kam auf den ehrbaren Beruf des Kaufmanns. Das sollte es sein. Nicht mit Lebensmitteln wollte der junge Mann handeln, das war klar. »Ich hatte die Möglichkeit, eine Lehrstelle im damaligen Kaufhaus Monopol auf der Kommißstraße zu bekommen oder eben beim Gardinen-und Bettenhauses Bähr«, so Stahlmann. Die Wahl fiel auf die Gardinen – später sei der Bereich Schlafen noch dazu gekommen. Und auch, wenn Karl-Heinz Stahlmann sich nun schon seit vielen Jahren schwerpunktmäßig mit Herrenmode beschäftigt: Die Leidenschaft für diesen Arbeitsbereich spüre ich noch immer. »Das war eine tolle Zeit mit vielfältigen Aufgaben«, findet er. Gerade beim Thema Gardinen sei es ja nicht nur der Verkauf der Stoffe gewesen oder das Anpassen und Ausmessen für den Wohnbereich, sondern auch das Handwerkliche. »Hier habe ich viel gelernt und so werkele ich gern auch bei meiner Tochter und meinem Schwiegersohn herum. Die fragen immer: Hast Du Deinen Werkzeugkasten dabei?«, freut er sich. Seinen ältesten Enkel haben er und seine Frau sogar schon einmal zu einer Modemesse nach Hamburg mitgenommen. Dort dürfte sich der Fünfjährige eher gelangweilt haben, wurde dann aber von Oma und Opa mit einem Besuch im Serengeti Park mehr als entschädigt.

Karl-Heinz Stahlmann ist mit Leib und Seele Kaufmann.
Karl-Heinz Stahlmann: Mit Leib und Seele Kaufmann. © Andreas Molau, Stadt Wolfenbüttel

Aufbruch und Wende im Osten

Bei Bähr hat Karl-Heinz Stahlmann bis 1991 gearbeitet. Neben dem Gardinenbereich habe er auch noch intensive »Schlafforschung« betrieben, berichtet er. Die Seminare zum Thema Schlaf hätten ihm viel gegeben. Auch die Erfahrungen beim stetig wachsenden Modehaus Bähr hätten ihn voran gebracht. Nach einer kurzen Unterbrechung bei der Bundeswehr habe er beim »Bund« erst verlängern wollen, sei dann aber mit Verantwortung in den Betrieb zurückgelockt worden. Die Erfahrungen, die er hier beim Einkauf, bei er Disposition und beim Kommissionieren gemacht habe, hätten dem Kaufmann schließlich auch bei seiner ganz persönlichen Wende geholfen. Die hing mit der »Wende« des Landes zusammen. 1989 fiel die Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten. Die neuen Bundesländer waren im Aufbruch begriffen und Karl-Heinz Stahlmann und seine Frau wollten sich an der Dynamik dieser Tage beteiligen. Er sondierte das Terrain und machte in Halberstadt ein Gardinen- und Bettenhaus auf. Auf schmalen 68 Quadratmeter bot er hochwertige Ware an, die den Nerv der Zeit traf. »Wenn ich zum Abmessen von Gardinen in den Wohnungen war, kamen stets Zuschauer, die sich das Schauspiel nicht entgehen lassen wollten. Und ich konnte bald erleben, dass zwei Drittel von diesen Gästen spätestens nach einem halben Jahr meine Kunden wurden«, freut sich Stahlmann heute noch. Gut zwanzig Jahre blieb er in der Vorharzstadt. Er erweiterte seine Ladenfläche im 1998 erbauten »Stadtzentrum« und nahm als neues Angebot auch noch Herrenmode mit dazu. »Das war für meine Frau, die sich mit dem Thema Gardinen und Betten nicht so anfreunden konnte«, so Stahlmann.

Von Kopf bis Fuß.
Von Kopf bis Fuß. © Andreas Molau, Stadt Wolfenbüttel

Lebensumbrüche

Die Halberstädter Zeit war erfolgreich. Zwischenzeitlich hatten Karl-Heinz Stahlmann und seine Frau 12 Mitarbeiter und vor allem viel Stress. Ein Herzinfarkt war das Alarmsignal, das den Kaufmann zum Umdenken zwang. »Die Ärzte rieten mir, etwas weniger zu machen. Ich brauchte einen geregelten Tagesablauf und mehr Ruhe«, erinnert sich Stahlmann. Denn neben der Arbeit in Halberstadt engagierte er sich auch zwanzig Jahre lang als Vorsitzender des MTV Börßums, war in der Freiwilligen Feuerwehr aktiv und überlegte sogar kurz, sich in der Kommunalpolitik einzubringen. Nun hatte sich der Körper gemeldet, und es öffnete sich gleichzeitig eine Tür. Der Fünfjahresvertrag im Stadtzentrum lief aus. »Ich überlegte mir mit meiner Frau: Fünf Jahre nochmal Halberstadt oder wir beginnen etwas Neues?« Und dann kam der Stadtbummel im Sommer 2012, die Entdeckung der Langen Herzogstraße 2 und der Umzug in die Heimat. Die Ladeneinrichtung konnte Karl-Heinz Stahlmann von Halberstadt mit nach Wolfenbüttel nehmen. Natürlich musste sie etwas angepasst werden. Aber ich hätte nie geglaubt, dass sie nicht extra für diesen Standort ausgewählt hätte sein können. Der »Handwerker« Stahlmann hat ganze Arbeit geleistet. Mit dem Neuanfang änderte der Kaufmann auch seine Lebensführung.

Bewusstes Leben

»Ich lebe jetzt bewusster, nehme mir mehr Zeit für mich und meine Familie«, so Stahlmann. Das fange jetzt schon mit einer Fahrradfahrt von Börßum nach Wolfenbüttel an. Die gut 14 km fährt er nun oft mit dem E-Bike. »Da bin ich nicht völlig verschwitzt, wenn ich im Laden ankomme, aber ich habe mich trotzdem bewegt«, erklärt er. Ein Tag in der Woche, der Donnerstag, gehört ihm. Da betätigt sich Karl-Heinz Stahlmann mit Freude und Spaß am Jedermannsport. Die einzelnen Vereine würden sich in diesem Bereich sogar mit viel Spaß gelegentlich messen, berichtet er. Nachdem er zunächst mit seiner Frau den Laden allein betrieben hatte, wurden nun Mitarbeiter eingestellt. »Wir sind allein einen Monat im Jahr auf Messen unterwegs«, so Stahlmann. Da sei Hilfe einfach nötig gewesen. Dass sein Laden in Wolfenbüttel so gut angenommen worden sei, freut den Geschäftsmann ebenso wie die Unterstützung, die er von manchen Modevertretern erhalte: »Wir bekommen immer wieder gute Anregungen, was wir neu und anders machen können.«, so Stahlmann. Es käme vor allem darauf an, ein möglichst breites Spektrum an Geschmäckern zu treffen. »Sie können gar nicht generell sagen, das ist für Junge oder das für Alte. Neulich hatte ich neu ein Modelabel für junge Leute reingenommen. Und der erste, der etwas davon kaufte, war in den 60ern«, schmunzelt er. Seine Arbeit mache ihm nach wie vor Spaß und die Motivation, ein Fachgeschäft in Wolfenbüttel zu betreiben, sei groß. Insofern ist Stahlmann einer der guten Antwort auf den Hinweis: »In Wolfenbüttel kriegste nichts!«

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