Kunsthandwerk und Lebensmittel im Weltladen Wolfenbüttel

Auf den Spuren des fairen Handels in Wolfenbüttel

Wolfenbüttel wird faire Stadt! Ein konsequenter Schritt, denn der faire Handel – auch „fairtrade“ – wird in Wolfenbüttel schon seit einigen Jahren mit Überzeugung unterstützt und gerät immer mehr ins öffentliche Bewusstsein. Seit ungefähr einem Jahr arbeitet die Stadt daran, Mitglied der Kampagne Fairtrade Towns und damit eine von inzwischen weit mehr als 500 fairen Städten in Deutschland zu werden. Immer mehr Institutionen und Unternehmen beteiligen sich und helfen so gemeinsam, die Bedingungen dafür zu erfüllen.

Weißt Du, lieber Leser, was fairer Handel ist?

Kurz gesagt geht es um Hilfe zur Selbsthilfe für Menschen in zahlreichen Entwicklungsländern, die ansonsten chancenlos wären. Die beiden weltweit agierenden Dachorganisationen des fairen Handels, die das fairtrade-Siegel vergeben, sind die World Fairtrade Organisation (WFTO) und die Fairtrade Labelling Organisations International (FLO).  Schauen wir doch einmal, wie sich in Wolfenbüttel dieser Ansatz bereits etabliert hat (weitere Informationen dazu habe ich Dir am Ende zusammengestellt). Als Erstes fällt mir* natürlich der Weltladen ein – Beate Koch kann mir bestimmt viel erzählen.

Fairer Handel in Wolfenbüttel – wie hat alles angefangen?

Nach den ersten Anfängen in den 90ern in einigen Kirchengemeinden der Stadt, haben Beate Koch und sechs weitere Wolfenbütteler 2004 zusammen den „Verein Solidarische Welt e.V.“ gegründet. Der Verkauf fair gehandelter Waren fand bis dahin meist nur bei kirchlichen Veranstaltungen und einmal jährlich an einem Stand auf dem Wolfenbütteler Umweltmarkt statt. Daraus sollte mehr werden!

Plakat Fair Trade Schule
Fair Trade Schule in Wolfenbüttel ©Stadt Wolfenbüttel

Erste Station im Zentrum für Umwelt und Mobilität (ZUM)

Zentrum für Umwelt und Mobilität
Zentrum für Umwelt und Mobilität – hier war der Weltladen lange Untermieter ©Stadt Wolfenbüttel

Eine Unterkunft für den Verein fand sich am Stadtmarkt. Als „Untermieter“ wurde der Verein im Zentrum für Umwelt und Mobilität (ZUM) willkommen geheißen, und so entstand eine erste Anlaufstelle, in der Interessenten Informationen über den fairen Handel erhalten und zu festen Öffnungszeiten einkaufen konnten. Nach ein paar Jahren wurde aber deutlich, dass Platz und Öffnungszeiten nicht mehr ausreichten. Eine größere Lösung musste her! Und so war bald klar:

Wolfenbüttel braucht einen Weltladen!

Nach zwei Jahren umfangreicher Planungen und Vorbereitungen, konnte im Mai 2014 der Weltladen in der Okerstraße eröffnet werden. Mit einem hochmotivierten Team von weit über 30 Ehrenamtlichen wird er betrieben. Ich selbst bin auch seit bald drei Jahren dabei. Diese engagierte Mannschaft und die immer zahlreichere, vielseitig interessierte Kundschaft sind unter anderem Gründe für einen im Verhältnis zur Stadtgröße ziemlich großen, gut laufenden Laden. Um faire Stadt zu werden, braucht es jedoch mehr als einen Weltladen. Und hier, lieber Leser, bist jetzt Du aufgefordert, Dich in Wolfenbüttel genauer umzusehen! Begleite mich doch auf einem kleinen Stadtbummel von einer fairen Station zur nächsten.

Fairtrade macht Schule

Den Anfang mache ich bei einem unserer Wahrzeichen, dem Residenzschloss. Es ist nicht nur ein interessanter, gut erhaltener barocker Prachtbau mit einer wechselvollen Geschichte. Es ist auch mit modernem Leben gefüllt. Hier findet sich mit dem Gymnasium im Schloss (GiS) nämlich Wolfenbüttels Fairtrade Schule. Maßgeblich dafür ist die Fairtrade AG, ein Team aus Schülern und Lehrern. Sie kümmern sich – z.B. in den Pausen – um den Verkauf fair gehandelter Waren. Außerdem haben sie sich die Verbreitung von Informationen über den fairen Handel innerhalb und manchmal auch außerhalb der Schule zur Aufgabe gemacht. Im Januar 2018 wurde das GiS als faire Schule zertifiziert. Damit ist eine der Bedingungen für die faire Stadt erfüllt. Ein großes Plakat in der Mensa weist darauf hin.

Unser Stadtmarkt – Ort für fairen Handel

Vom GiS führt mich mein Weg in die Innenstadt auf den Stadtmarkt. Na – hier ist das Engagement für eine faire Stadt fast schon fühlbar … Im Rathaus sind nämlich sogar gleich drei von den Bedingungen für die faire Stadt erfüllt worden! Erstens: Hier wurde der Beschluss gefasst, an der Kampagne teilzunehmen und sich um das Siegel „Fairtrade Town“ zu bewerben. Zweitens: Hier wurde auch die Steuerungsgruppe initiiert, die den ganzen Prozess angeschoben hat und bis heute begleitet. Drittens: Von hier aus wird auch die den Bewerbungsprozess begleitende Öffentlichkeitsarbeit betrieben. Und außerdem wird hier natürlich fair gehandelter Kaffee ausgeschenkt.

Rathaus Wolfenbüttel
Rathaus Wolfenbüttel

Kaffeepausen? Aber bitte mit Fairtrade!

Bei einem Abstecher um die Ecke zum Kornmarkt lädt mich der Röber Gourmetmarkt zu einem Besuch ein. Dort gibt es Schokolade und neuerdings auch Wein aus fairem Handel. Den aber bitte erst mal nur mitnehmen – der Spaziergang geht ja noch weiter! Zurück über den Stadtmarkt, geht es jetzt die Lange Herzogstraße in Richtung Nordosten entlang. Nun bieten sich verschiedene Möglichkeiten, bei einer Tasse fair gehandelten Kaffees eine Pause einzulegen, z. B. in den verschiedenen Filialen der Altstadtbäckerei Richter oder in der Cafébar und Rösterei Treccino am Alten Tor. Hier kann ich bei schönem Wetter sogar draußen sitzen. Bei Treccino gibt es außerdem auch eine Auswahl an fairer Schokolade.

Rösterei Treccino
Lädt zur Kaffeepause ein: Rösterei Treccino ©Stadt Wolfenbüttel

Für die nächste Station auf meinem fairen Spaziergang biege ich in die Okerstraße ab. Dort liegt das gemütliche, neu eröffnete Café „Kaffeezeit“. Hier konnte ich an fairen Produkten Kaffee, Tee, Schokolade und Schokoladenaufstrich für das dortige Frühstück entdecken.

Weltladen – der Name ist natürlich Programm

Ein paar Türen weiter habe ich ja sozusagen ein Heimspiel: Nun ist erst einmal ausgiebiges Stöbern im Weltladen angesagt. Hier gibt es ein breit gefächertes Sortiment zu entdecken. An Lebensmitteln natürlich die üblichen Verdächtigen Kaffee, Tee und verschiedenste Schokoladensorten. Aber auch Säfte, Brotaufstriche, Nüsse, Reis, Linsen, verschiedenste Süßigkeiten und vieles mehr.

Weltladen Wolfenbüttel in der Okerstraße
Weltladen Wolfenbüttel in der Okerstraße ©Stadt Wolfenbüttel

Der andere große Bereich ist unter dem Begriff Kunstgewerbe zusammengefasst. Hier gibt es unter anderem Geschirr, Lederwaren, Schmuck in allen Variationen, Klangschalen, Spielzeug und viele interessante Recycling-Produkte. Und je nach Saison, gibt es auch immer wieder etwas Neues zu entdecken!

Kunsthandwerk und Lebensmittel im Weltladen Wolfenbüttel
Im Weltladen gibt es neben Lebensmitteln viel Kunsthandwerk ©Stadt Wolfenbüttel

Faire Sortimente in großer Auswahl in der Stadt …

Nun wende ich mich wieder der Langen Herzogstraße zu und schaue ins Reformhaus Bertram hinein. Auch hier geht es schon sehr fair zu. Die fairen Waren, die ich dort finde, sind zum größten Teil der Kategorie „Verführer“ zuzuordnen. Die süßen Angebote dort stellen meine Selbstbeherrschung schon arg auf die Probe. Etliche Schokoladensorten, Kekse, Kakao, Kaffee – hier nur zum Gucken reinzugehen, ist schwer … Aber noch ist mein Weg nicht zu Ende. In einem weiteren Geschäft wollte ich mich noch umsehen. Vom Reformhaus aus steuere ich den Naturkostladen auf der Breiten Herzogstraße an – die „Kornblume“. Das faire Sortiment hier ist ziemlich umfangreich und vielfältig. Natürlich Schokolade, Kaffee und eine schöne Auswahl an Teesorten. Aber auch verschiedene Getreidezubereitungen und Brotaufstriche. Und dann erlebe ich sogar noch eine Überraschung: fair gehandelter Quark aus Deutschland! Dem Molkereiunternehmen, das den vertreibt, geht es u.a. um die Rettung der Kleinbauern in der Milchwirtschaft und gleichzeitig um eine möglichst naturbelassene Milchqualität. Und das Unternehmen erfüllt tatsächlich die Bedingungen für fairen Handel. Wieder was gelernt!

So – MEIN Weg endet hier.

Deiner, lieber Leser, darf aber ruhig noch weitergehen!

… und außerhalb der Stadttore

Da gibt es außerhalb von Wolfenbüttels Innenstadt noch mehr Faires zu entdecken. Von der Kornblume aus nach Norden kommst Du z. B. noch zum afrikanischen Café Bantaba am Herzogtore. Dort wird fair gehandelter Kaffee ausgeschenkt. In der Leopoldstraße gilt es den Biomarkt auf fair Gehandeltes zu erforschen. Oder Du marschierst noch weiter und besuchst die gastronomischen Einrichtungen der Fachhochschule Ostfalia – auch dort gibt es für die Studenten fair Gehandeltes. Abgesehen von den hier aufgezählten, eher kleineren Unternehmen, haben natürlich auch die üblichen großen Lebensmittel- und Drogeriemarktketten fair Gehandeltes im Sortiment. Wer sich vor Augen führt, wie viele Menschen durch die Möglichkeiten des fairen Handels ein hoffnungslos elendes gegen ein menschenwürdiges Leben tauschen können, stellt auch nicht mehr die Frage, warum die fairen Waren manchmal teurer als herkömmliche sind.

Vielleicht gehst Du ja in Zukunft mit offeneren Augen einkaufen!?

Der Antrag läuft – Daumen drücken!

Der Antrag auf Wolfenbüttels Anerkennung als Fairtrade Town ist bereits gestellt. Dass das möglich wurde, verdanken wir auch all den hier aufgezählten Unternehmen. Sie erfüllen nämlich gemeinsam die fünfte Bedingung von einer nach Einwohnerzahl festgelegten Anzahl von Unternehmen und Gastronomiebetrieben, die sich dem fairen Handel angeschlossen haben. Ich persönlich finde das wirklich bemerkenswert. Gerade für manche der kleineren Unternehmer ist die Lage, aufgrund der Baustellensituation im Stadtbereich, nicht ganz einfach. Umso wertvoller ist ihre Bereitschaft einzuschätzen, Menschen, die sich aus bitterer Armut heraus kämpfen wollen, zu helfen. Nun hoffe ich, dass Wolfenbüttel in naher Zukunft von sich behaupten kann: Wir sind eine Fairtrade Town!

P.S. Immer noch neugierig ?

Dann guck doch mal hier hinein: Forum Fairer Handel oder lies gleich jetzt weiter:

Fairtrade Fakten

Die eingangs (nach oben) genannten beiden Dachorganisationen haben auch die im Folgenden skizzierten Rahmenbedingungen für Handelsunternehmen festgelegt, die sich fair nennen möchten.

Faire Handelsbeziehungen sind langfristig, verlässlich und auf Augenhöhe.

Dazu gehören garantierte Mindestlöhne und soziale Absicherungen, die Notlagen auffangen sollen, für die es anders als z.B. bei uns in Deutschland keine staatliche Hilfe gibt. Sichere und gesunde Arbeitsbedingungen sowohl für den Produzenten als auch die Umwelt müssen garantiert sein. Die Folge ist idealerweise auch ein gesundes Produkt für den Verbraucher. Ausbeuterische Kinderarbeit wird strikt abgelehnt! Kinder haben die Chance zur Schule zu gehen – der erste Schritt zu Bildung und hinaus aus der Armut. Auch für die arbeitenden Erwachsenen steht Weiterbildung auf dem Plan, damit sie möglichst bald so viele Phasen des Herstellungs- und Handelsprozesses wie möglich in Eigenregie erledigen können. Kleine Produzenten stehen im Vordergrund, und jegliche Form von Diskriminierung oder Ausbeutung wird abgelehnt. Außerdem ist ein wichtiger Punkt die Öffentlichkeitsarbeit. Das klingt eigentlich alles nicht überraschend, ist aber im Vergleich zum „normalen Handel“ ein riesengroßer Unterschied.

Woran erkennt man fair gehandelte Waren?

Die Frage ist nicht ganz einfach zu beantworten, weil „Fairer Handel“ kein geschützter Begriff ist. Verlassen kann man sich nur auf die gängigen Siegel und muss genau hinschauen.

Das bekannteste Siegel in Deutschland ist das schwarz-grün-blaue mit der angedeuteten menschlichen Silhouette (s. Schulplakat). Es ist das Siegel der FLO und wird einem einzelnen Produkt verliehen.

Das WFTO Siegel wird hingegen für die gesamte Lieferkette (Produzent – Weiterverarbeitung – Großhandel – Einzelhandel) vergeben. Alle Produkte von El Puente tragen z. B. dieses Siegel.

Daneben gibt es noch einige andere, die z. T. auch mit dem Logo der einzelnen Fair-Handelsfirmen kombiniert sind.

Im Zweifel hilft ein Blick ins Internet zum Thema Fairtrade-Siegel.

*Wer schreibt hier eigentlich?
Eva Dornbusch-Granse ist Stadtführerin und ehrenamtliche Mitarbeiterin im Weltladen Wolfenbüttel.

Ein Gedanke zu “Auf den Spuren des fairen Handels in Wolfenbüttel

  1. Fragt auch einfach mal bei den Kaffeesorten ohne Siegel nach den Anbaubedingungen, die Inhaber von Treccion kaufen vieles direkt bei den Produzenten und wissen eine Menge über die Arbeitsbedingungen vor Ort.

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