Carsten und Bettina Richter von der Altstadtbäckerei Richter

Glückwunsch – »Richter Altstadtbäcker« wird 80

Ich besuche in der Auguststadt einen echten Traditionsbetrieb, denn die Bäckerei Richter gibt es seit 80 Jahren. Angefangen hat alles in Rautheim … 1938 machte sich Walter Richter im benachbarten Rautheim mit seiner Bäckerei selbstständig.

So hat alles angefangen. Walter Richter in Rautheim.
So hat alles angefangen. Walter Richter in Rautheim. © Richter

Im Jahr 1953 zog die Familienbäckerei nach Wolfenbüttel um. Kurz darauf eröffnete 1964 sein Sohn Dieter Richter seine Bäckerei in der Auguststadt. Heute führen Carsten und Bettina Richter den Betrieb in der dritten Generation, während sich mit ihren Kindern die nächste Generation schon einarbeitet. Das Ehepaar lenkt das Familienunternehmen zu einem guten Teil so, wie es vor 80 Jahren schon der Großvater Walter Richter getan hat. Dennoch musste sich der Betrieb in den stürmischen Zeiten der deutschen Geschichte, immer wieder verändern. Tradition und Fortschritt gehören untrennbar zusammen, das wissen die Richters. Dass sich seine Bäckerei am Hauptstandort in der Wolfenbütteler Auguststadt in ein gläsernes Backhaus mit schickem Café verwandelt, hätte sich Walter Richter damals vermutlich nicht träumen lassen.

In der »Ruhmeshalle« der Bäckerei sind Urkunden und allerlei Dinge zu finden, die von der 80-jährigen Geschichte des Betriebs erzählen.
In der »Ruhmeshalle« der Bäckerei sind Urkunden und allerlei Dinge zu finden, die von der 80-jährigen Geschichte des Betriebs erzählen. © Andreas Molau, Stadt Wolfenbüttel

In Braunschweig fing alles an

Der Großvater von Carsten Richter lernte in den 30er Jahren in der Backstube seines Onkels im Prinzenpark Braunschweig das Handwerk des Bäckers. »Damals war eine Bäckerei vor allem eine Brotbäckerei«, erklärt mir Dieter Richter in unserem Gespräch. Wir sitzen im »Denkraum« – ein gemütlich eingerichtetes Zimmer mit Sitzmöbeln – im Backhauskomplex in der Wolfenbütteler Auguststadt. Nach Rautheim ist der zweite Stammsitz des Betriebes in den letzten Jahren immer weitergewachsen. Nach dem Umzug in die Lessingstadt war es das Kinderzimmer von Carsten Richters Schwester. Die Familiengeschichte ist bei Familie Richter immer präsent. Tradition ist ein wichtiges Pfund für das Unternehmen.

Zwei Generationen - eine Bäckerei: Carsten und Dieter Richter.
Zwei Generationen – eine Bäckerei: Carsten und Dieter Richter. © Andreas Molau, Stadt Wolfenbüttel

Unruhige Zeiten

Walter Richter machte sich kurz vor dem Zweiten Weltkrieg selbstständig. Damals fuhr er durchs Dorf und kündigte mit einer großen Glocke, die heute im modern eingerichteten Arbeitszimmer seines Enkels Carsten Richter steht, seine frischen Backwaren an. Kaum jemand hätte damals geahnt, wie sich die Dinge in Deutschland und Europa entwickeln würden. Plötzlich befand er sich in einem Krieg, der ihn zunächst nach Russland und dann in die Kriegsgefangenschaft der Briten brachte. Während dieser Zeit hielt seine Frau den Betrieb am Laufen. Braunschweig versank im Bombenhagel und um zu überleben musste sie zusätzlich bei einem Bauern arbeiten. »Mein Großvater war ein kluger Mann. Er spekulierte auf seine Haftentlassung durch die Briten, weil Handwerker zum Aufbau des Landes benötigt wurden«, erzählt mir Carsten Richter. Und so ist es auch gekommen. Nach einem halben Jahr in Gefangenschaft kam Walter Richter zurück und baute seinen Betrieb erneut auf. In dieser Zeit wurden Brot- oder Kuchenteige von den Dorfbewohnern in die Backstube der Bäckerei gebracht und dort ausgebacken. Die fertigen Bleche wurden vom Meister auf der Kiepe ausgeliefert, die auf dem Rücken getragen wurde. »Das Herzstück unserer Bäckerei war von Anfang an das Heidebrot von meinem Vater Walter Richter«, sagt mir der Seniorchef Dieter Richter stolz.

Am Anfang wurden die Brote noch auf dem Rücken ausgetragen. Später motorisierten sich Richters.
Am Anfang wurden die Brote noch auf dem Rücken ausgetragen. Später motorisierten sich Richters. © Richter

Das Heidebrot von Walter

»Wir backen es noch heute ganz genauso so, wie es mein Vater getan hat«, erklärt er mir. Beim Heidebrot kommen keine Maschinen zum Einsatz. Nur beim Heben der schweren Teiglasten gibt es heute Maschinen, die den Rücken der Bäcker schonen. Dass Dieter Richter den Betrieb seines Vaters übernimmt, stand von Anfang an fest. Seine Frau verstärkte die Bäckerei aktiv im Verkauf. Sie unterstützte ihn und hatte Verständnis für seine Arbeit. Bis 1964 arbeitete Dieter Richter mit seinem Bruder zusammen. Danach ergab sich für ihn die Gelegenheit, die damalige Bäckerei Klingenberg in der Wolfenbütteler Auguststadt zu übernehmen. Er hatte im Familienbetrieb die Brotbäckerei gelernt. Darüber hinaus ließ er sich bei der damals renommierten Konditorei Wagner auf dem Hagenmarkt in Braunschweig zum Konditor ausbilden. Nachdem er dann einige Jahre Berufspraxis sammeln konnte, bot sich der Schritt in die Selbständigkeit an. Dieter Richter fühlte sich in der Lessingstadt schnell wohl. Er engagiert sich in der Innung und unterstützte die Stadtentwicklung ehrenamtlich – zum Beispiel beim MTV Wolfenbüttel. Dort spielte er selbst mit Leidenschaft und Erfolg Tischtennis.

Carsten und Dieter Richter tauschen Familienanekdoten aus.
Carsten und Dieter Richter tauschen Familienanekdoten aus. © Andreas Molau, Stadt Wolfenbüttel

Nicht nur der Betrieb

Der Betrieb war zwar wichtig, versichert mir der Ruheständler, aber auch das Privatleben war immer von entscheidender Bedeutung für ihn. »Freizeit ist noch heute notwendig, um sich Kraft und Inspiration für die Arbeit zu holen und am Ende das bestmögliche Produkt für den Kunden herzustellen«, verrät er mir. Diese Tradition lebt auch Carsten Richter, der sich neben seinem hohen Arbeitspensum regelmäßig um Ausgleich beim Wandern, Skifahren, aber auch bei Konzert- und Kinobesuchen bemüht. Die Richters sind Familienmenschen. Deswegen engagiert sich die Unternehmerfamilie bis heute intensiv für soziale und karitative Projekte. Außerdem sind die Bäcker Mannschaftsspieler. Das zweite herausragende Produkt der Bäckerei ist das Abendbrötchen –  einer Gemeinschaftsproduktion von Dieter Richter und seinem Bruder. »Wir saßen zusammen und haben uns alle Brötchensorten in Wolfenbüttel zum Testen gekauft. Wir waren nicht zufrieden und wollten das Brötchen noch einmal neu erfinden«, erinnert er sich zurück. Beide wollten ein Brötchen, dass auch nachmittags und abends noch zu genießen war. Also besannen sich die Brüder auf alte Backtraditionen, verlängerten die Teigführung, setzten aktive Malze ein und bekamen ein knusprig, aromatisches Produkt, das die Wolfenbütteler schon 1979 begeisterte.

Früh übt sich… Carsten Richter 1982 auf dem Altstadtfest. (Bild Richter)
Früh übt sich… Carsten Richter 1982 auf dem Altstadtfest. © Richter

Das Abendbrötchen von Dieter

Den Namen für das neue Brötchen, tüftelten die Richters während eines Wanderurlaubs in Südtirol aus: Abendbrötchen. »Zwischenzeitlich haben viele Bäcker den Begriff benutzt. Aber heute sind wir fast wieder die Einzigen. Und wir bleiben bei diesem Markennamen«, so Carsten Richter. Er arbeitet in der dritten Generation im Betrieb. »Manchmal war mir das alles zu viel Bäckerei. Denn wir lebten ja im Betrieb. Aber nach dem Abitur wusste ich nicht, was ich machen sollte. Da habe ich einfach mit der Bäckerlehre begonnen«, erinnert er sich. Und er hat Geschmack an diesem Handwerk gefunden. Heute ist Carsten Richter eine Mischung aus Manager, Ideengeber, Kommunikator und Bäcker. Nicht selten vermisst er die Zeit in der Backstube. »Manchmal möchte ich morgens einfach nur in Ruhe meine Arbeit in der Backstube machen und mich nur aufs Brotmachen konzentrieren. Aber das ist leider in unserem Betrieb heute nicht mehr so einfach möglich«, bedauert er. Die Weiterentwicklung der Richter Altstadtbäckerei ist von einem Prozess beständiger Anpassung geprägt.

Bei den Stadtfesten war Walter Richter noch lange mit dabei. Hier ist er 1982 mit Inge Richter beim Verkauf. (Bild: Richter)
Bei den Stadtfesten war Walter Richter noch lange mit dabei. Hier ist er 1982 mit Inge Richter beim Verkauf. © Richter

Mit der Zeit gehen

Walter Richter war durch sein Handwerk, seinem Vertrieb und seiner Einbindung in die Gemeinde als Gemeindebäcker erfolgreich. Dieter Richter entwickelte den Betrieb mehr zu einem Dienstleistungsunternehmen. 1977 eröffnete er seine erste Bäckereifiliale in der Fußgängerzone unter den Krambuden. Das war die richtige Entscheidung – genau wie die fortwährende Vergrößerung des Backhauses in der Auguststadt. »Mein Vater hat immer über den Tellerrand geguckt. Das bewundere ich noch heute an ihm«, so Carsten Richter. Er schloss sich schon früh einem professionellen Berater für Bäcker an, mit dem er betriebliche Perspektiven entwickelte. »Wenn wir uns mit der Betriebsberatung das nächste Mal treffen, werden wir mit meinem Sohn schon in der vierten Generation am Tisch sitzen und die Weichen für die Zukunft stellen«, freut sich Carsten Richter. Carsten Richter hat eine reibungslose Betriebsübernahme geschafft. Gemeinsam mit seiner Frau Bettina führt er heute den Betrieb. Und auch die Kinder haben bereits bei den Backkursen geholfen, die für Carsten Richter ein neues Veranstaltungsformat sind. »Manche Kunden wundern sich, warum ich mich persönlich um so kleine Veranstaltungen kümmere«, lacht er.

Die Backkurse sind für Carsten Richter sehr wichtig.
Die Backkurse sind für Carsten Richter sehr wichtig. © Richter

Nahe an den Menschen

Aber die Erklärung ist einfach: Zum einen kann er sich dabei selbst ganz aktiv mit dem Backen beschäftigen. Zum anderen ist ihm der direkte Kontakt mit den Menschen wichtig, um seinen Betrieb führen zu können.

Carsten Richter begrüßt Konfirmanden zu einer Backaktion in seiner Backstube.
Carsten Richter begrüßt Konfirmanden zu einer Backaktion in seiner Backstube. © Andreas Molau, Stadt Wolfenbüttel

Das gilt auch für die Mitarbeiter. »Ich möchte jeden Mitarbeiter gesehen haben und mit ihm sprechen. Wir können nur am Markt bestehen, wenn wir ein gemeinsames Ziel haben«, beschreibt er mir seine Unternehmensphilosophie. Deswegen startet zum Beispiel beim Stadtradeln 2018 in Wolfenbüttel ein Team mit fast 80 Teilnehmerinnen und Teilnehmern. »Wir versuchen einen Betrieb zu haben, in dem die Mitarbeiter gut und gerne arbeiten und mit dem sie leben können. Das bedeutet faire und soziale Arbeitsbedingungen«, erfahre ich von ihm. Außerdem legt er viel Wert auf das Bäckerhandwerk: Ehrliche, regional erzeugte und verarbeitete Produkte kommen zum Verkauf in die Standorte der Region. Produkte hinter denen Carsten und Bettina Richter stehen und die sie auch selbst gern essen. Carsten Richter ist ein Anhänger der »Slow-Food-Bewegung«. Er engagiert sich für regionale Projekte und ist immer auf der Suche nach einem noch besseren Rezept.

Carsten Richter recherchiert im Internet…
Carsten Richter recherchiert im Internet… © Andreas Molau, Stadt Wolfenbüttel

Ehrlichkeit ist Trumpf

Diese Treue für regionale Zulieferer– ob es sich nun um den Honig von Stadtimker, um die Eier aus regionaler Bodenhaltung, oder um den Getreidebauer handelt – und gute Arbeitsbedingungen sind für Carsten Richter der Trumpf in seinem Unternehmen. Ehrliche Produkte brauchen ehrliche Preise. Und diese sind immer höher, als die Massenprodukte in der täglichen Supermarktpreisschlacht. »Wer heute eine moderne handwerklich orientierte Bäckerei am Markt halten will, muss viel mehr Dinge tun, als nur gutes Brot und guten Kuchen zu backen«, so Carsten Richter. Er müsse eben solche Zusammenhänge täglich erklären können. »Die Kunden wollen wissen, warum sie für die Produkte etwas tiefer in die Tasche greifen sollen«, berichtet er mir. Deshalb bildet er sich auch immer weiter fort. Was bei all dem aber nicht in den Hintergrund treten darf, ist die Liebe zum Brot und zu den süßen Köstlichkeiten, die in der Backstube auf der Dr.-Heinrich-Jasper-Straße jeden Morgen gefertigt werden. Carsten Richter ist optimistisch. Wenn alles gut läuft, kann sich der 49-jährige Bäckerchef sich noch mindestens fünfzehn Jahre in den Betrieb einbringen. Danach werde es schon weitergehen. Bei allem Erfolg ist Carsten Richter immer bescheiden geblieben und wirkt auf mich im positiven Sinne demütig.