Bei Bücher Behr gibt es für mich einen gepflegten Espresso.

(M)ein »Kauf-nix-Tag« in Wolfenbüttel

Ein Selbstversuch – ich bummele ausgerechnet am 24. November – dem »Kauf-nix-Tag« – durch die Wolfenbütteler Innenstadt. Noch genau ein Monat bis Heiligabend.

Die immer gleiche Frage, die ich bei der Recherche zu meinem Beitrag über den »Wolfenbütteler-Kauf-nix-Tag« gehört habe, war: Was soll das denn sein? Der »Kauf-nix-Tag« ist in über 60 Ländern verbreitet und trotzdem nirgendwo richtig bekannt. In Europa ist der Aktionstag am letzten Samstag im November. In Amerika ist der Tag aber ursprünglich entstanden. Denn dort findet immer am Freitag nach dem amerikanischen Familienfest »Thanksgiving« der »Black Friday« statt. Der schwarze Freitag soll eigentlich mit Rabatten locken und eröffnet die bevorstehende Weihnachtseinkaufssaison.

Was soll der Tag? In der Regel machen wir uns als Konsumenten keine Gedanken um die Produktionsbedingungen von den Dingen, die wir kaufen. Wer verdient eigentlich an dem schicken Produkt in meinem Einkaufsbeutel? Auf wessen Kosten war es so preiswert? Wohin führt es, wenn die Wirtschaft ständig wachsen soll, und ich als Kunde deshalb ständig verbrauchen – also konsumieren – soll?

Es geht nicht um Moral

Der »Kauf-nix-Tag« heißt nicht (nur), dass ich nichts kaufen soll. Vielmehr soll ich mein Konsumverhalten überdenken. In einem Selbstversuch habe ich deshalb einen Rundgang durch die Wolfenbütteler Innenstadt gemacht, und versucht mir dabei diese Fragen ein wenig zu beantworten. Verzichten und Warten sind dabei wichtige Stichpunkte.

Ich parke mein Auto an der IGS Wallstraße. Als Schüler haben wir dort jede Pause mit einem Tennisball Fußball gespielt. Wer spielt, konsumiert nicht. Das galt wenigstens so lange, wie es keine Computer gab.

An der Ecke beim Torbogen der Trinitatis-Kirche kann ich meine erste »gute konsumkritische« Tat feiern. Der Kabarettist Volker Pispers würde sich lustig machen. Wer Eintrittskarten für das politische Kabarett als Beleg für seine Moral an der Himmelspforte abgibt, wird sich auch als Konsumkritiker gut fühlen.

Die Breite Herzogstraße lädt zum Bummel ein

Aber bei meinem Versuch geht es um einen anderen Blickwinkel.

Bei Schuster Janke gebe ich meine betagten Wanderschuhe ab. Hier handle ich nachhaltig, ohne großen Aufwand. Ich könnte die Schuhe zwar gegen neue ersetzen, aber stattdessen bitte ich darum, meine alten aufzuarbeiten. Sie haben mich schließlich schon tapfer über so manchen Berg getragen. Ein Schuh muss schon ziemlich hinüber sein – oder von schlechter Qualität –, wenn Ulrich Janke die Entsorgung empfiehlt. Ich habe Glück.

Von hier aus schlendere ich über die Breite Herzogstraße. Hier gibt es Cafés, Bistros, Lebensmittelgeschäfte und jede Menge Fachgeschäfte. Hier gucke ich mich bei »Outdoor-Concepts« nach Alternativen um, falls meine Wanderschuhe doch nicht mehr zu retten sind …

Bringt es Unglück, ein Messer zu verschenken?

Danach gehe ich weiter zu »Messer-Meyer«. Hier gibt es natürlich Messer. Aber genauso jede Menge andere Küchenutensilien. Ich überlege, ob wir uns mal wieder eine neue Teekanne leisten – oder vielleicht einen schicken Topf?

Am »Kauf-nix-Tag« wird geschaut – oder wenigstens zurückgelegt. Weihnachten steht vor der Tür, und mir fällt auf, dass ich ein Messer verschenken könnte.

Auf meine Frage, ob das kein Unglück bringt, erklärt mir Yvonne Kalweit augenzwinkernd: »Verschenken Sie einfach einen Glückspfennig dazu, dann ist der Zauber gebannt.« Das ist ein Wort.

Der Glückspfennig verhindert ein Unglück beim Verschenken eines Messers.
Der Glückspfennig gleicht jeden Aberglauben aus. © Andreas Molau, Stadt Wolfenbüttel

Ich suche mir ein schickes Schneidewerkzeug aus. Es ist aus einem Stück geschmiedet, wird die nächsten Generationen überdauern und hat einen wunderbaren Holzgriff. Das Beste: Ich kann es an Heiligabend schön verpackt abholen.

Schräg gegenüber, bei der »Kornblume«, ist sowieso alles nachhaltig. Da könnte ich also auch an einem konsumkritischen Tag wie heute problemlos einkaufen … aber heute brauche ich nichts. Weiter geht es die Lange Herzogstraße hoch oder runter – je nach Standpunkt.

Blumen und Taschen

Heute schaue ich einfach ein bisschen länger in die Schaufenster. Bei »Blütenzauber« ist ein Besuch bereits Unterhaltung. All die schönen Dinge in den Regalen locken mich normalerweise herein. Aber heute widerstehe ich.

Doreen Mildner stellt gerade dekorative Pflanzschalen zusammen, und berät mich. Bevor ich in eine Schale investiere, muss ich über ihre Vorschläge erst eine Nacht schlafen. Da ich hier aber keine internationale Finanzkonzerne unterstütze, sondern eine Einzelhändlerin mit viel Leidenschaft, dürfte so ein Laden ohnehin nicht in das Raster von Greenpeace und Attack fallen, die den Tag in Deutschland initiieren.

Ein paar Schritte weiter, in dem Damenbekleidungsgeschäft »Unik« beschäftigt mich schon wieder das Thema Weihnachtsgeschenk. Susann Hesse und Martin Koj hatten meiner Frau neulich eine schöne Kombination von Kleidungsstücken verkauft. Was könnte dazu passen?

Martin Koj sucht mir drei Handtaschen raus und hält sie an die Sachen. Was passt? Ich kann mich nicht entscheiden und werde sie mir zurückhängen lassen. Meine Kinder können gelegentlich vorbeigehen und mir ihren Rat in dieser Sache geben.

Warten auf Genuss

Während ich an »Photo Porst« vorbei schlendere, muss ich daran denken, wie viele Kameras ich hier im Laufe der Jahre schon mit Fragen und Problemen hingebracht habe. Und Uwe Prediger hatte stets ein offenes Ohr, wenngleich er mir nicht immer etwas verkaufte. Wieder so ein Pluspunkt für den »Kauf-nix-Tag«.

Bei »Barrique Wolfenbüttel« erfülle ich mir schließlich einen ersehnten Wunsch, bei dem Konsum und Warten zusammenpassen. Vor dem Geschäft stehen schon seit Jahren großen Fässer. Darin reifen jeweils ein guter Rum und ein Whisky. Schon jetzt kann ich einen Anteil erwerben und warte dann ein ganzes Jahr.

Dann vollendet sich das Getränk an der »Wolfenbütteler Luft« und im nächsten November wird mein Warten mit einer großen Abfüllparty belohnt. Ich sichere mir diesmal meinen Anteil und bekomme ein Fläschchen ungereiftes Destillat mit. »Das ist zum Vergleich mit dem Fasswhisky im nächsten Jahr«, erklärt mir Jörn Zeisbrich.

Von Barrique Wolfenbüttel bekomme ich ein Fläschchen mit ungereiftem Destillat.
Jörn Zeisbrich von Barrique Wolfenbüttel übergibt mir meinen Vorgeschmack auf den Fassanteil im nächsten Jahr. © Andreas Molau, Stadt Wolfenbüttel

Gourmet zu Weihnachten

Auch bei meinem kauflosen Schaufenster- und Regalbummel vergeht die Zeit und ich werde bereits etwas pflastermüde.

In Richtung Kornmarkt habe ich mir noch ein Ziel vorgenommen. Bei »Erdbrink & Vehmeyer« probiere ich eine viel zu lange Hose an, die Harald Borm absteckt und gleich zum Schneider schickt. Das ist doch etwas anderes als das häufige (nicht nachhaltige) Zurückschicken von Internetware.

Bei Erdbrink & Vehmeyer wird die Hose für den Schneider abgesteckt.
Service am Kunden: Bei Erdbrink & Vehmeyer wird die Hose beim Schneider passend gemacht. © Andreas Molau, Stadt Wolfenbüttel

Nebenan bespreche ich mit Susanne Röder vom »Röber Gourmetmarkt« mein Weihnachtsmenü. Ich koche gern. Aber seit ich das erste Mal so ein Menü zum Festtag probiert habe – ohne jeden Arbeitsaufwand – weiß ich, dass Fertiggerichte hier mit Liebe und Ruhe zubereitet werden.

Und da es bei Röber jetzt sogar Fairtrade-Produkte gibt, werde ich mir zum Festtag auch einen guten Rotwein vom Gourmetmarkt gönnen.

Auf einem zettel steht mein bestelltes Weihnachtsmenü.
Vorfreude auf mein Weihnachtsmenü. © Andreas Molau, Stadt Wolfenbüttel

Gesucht: Sigmund von Birken

Schließlich führt mich mein Selbstversuch zum Konsumverzicht am »Kauf-nix-Tag« in die Bücherwelt. Ich liebe alte, vergessene Autoren. Diese besonderen Werke bekomme ich in dem Antiquariat Hoffmeister.

Das Geschäft ist eine Fundgrube und am liebsten würde ich mir hier einen Stuhl zum Lesen reinstellen. Der Geschäftsmann ist keine Maschine mit Suchfunktion, sondern jemand, der sich auskennt.

Das Antiquariat Hoffmeister ist ein Paradies für jeden Bücherfreund.
Ein Paradies für jeden Bücherfreund: Das Antiquariat Hoffmeister. © Andreas Molau, Stadt Wolfenbüttel

Ich frage ihn nach dem Wolfenbütteler Hofdichter Sigmund von Birken, und sofort sieht er in einer passenden Literatur nach, welche Werke es von dem Barockdichter gibt. Auf einem Zettel schreibt er meine Wünsche auf. Ich werde von ihm hören, früher oder später.

Jetzt bleibt mir noch ein abschließender Besuch bei »Bücher Behr«. Mit Martin Geißler unterhalte ich mich über den »Kauf-nix-Tag«, über Konsum und Verzicht. Wir sprechen über den Buchhandel im Allgemeinen und über neue Bücher im Besonderen.

Mein Tipp für jeden, der es noch nicht probiert hat: Buchhändler sind – wie Antiquare – großartige Gesprächspartner.

Lautmalerei zum Träumen

Zum Abschluss des »Kauf-nix-Tages« erklärt mir Martin Geißler, dass ich auch ohne ein Buch bei ihm zu kaufen bei ihm kostenlos in den Genuss von Literatur kommen kann. Ich setze mich auf einen kleinen Sessel im hinteren Bereich seines Geschäftes. Er setzt sich trotz des vorweihnachtlichen Trubels in seinem Geschäft zu mir – mit einer Tasse Espresso und liest:

»Kroklokwafzi? Semememi!/ Seiokrontro – prafriplo:/ Bifzi, bafzi; hulalemi:/ quasti basti bo…/ Lalu lalu lalu lalu la!/ Hontraruru miromente/ zasku zes rü rü?/ Entepente, leiolente/ klekwapufzi lü?/ Lalu lalu lalu lala la!/ Simarat kos malzlpempu/ silzuzankunkrei (;)!/ Marjomar dos: Quempu Lempu/ Siri Suri Sei []!/ Lalu lalu lalu lalu la!«


Mit den verzaubernden Klängen Christian Morgensterns schlendere ich über den Holzmarkt zurück zu meinem Auto und sinniere noch eine ganze Weile über diesen besonderen »Kauf-nix-Tag« …

Das Fazit

Nicht zu konsumieren ist ein bisschen so wie die Quadratur des Kreises. Denn natürlich verbrauchen wir immer, solange wir leben. Aber eine kleine Pause vom Konsumrausch – gerade vor Weihnachten – ist ein gutes Innehalten.

Ich kann gut und gern durch die Stadt flanieren auch ganz ohne Einkaufsbeutel. Jedes gute Fachgeschäft berät freundlich. Ob ich am Ende einkaufe oder nicht. Oder später.

Mir ist auf jeden Fall noch einmal klargeworden, welches große Angebot wir in unserer Stadt haben, und wie viel Serviceleistungen es gibt, die weit über den reinen Verkauf hinausgehen.

Nach meinem Verzicht freue mich jedenfalls umso mehr auf einen richtig ausgiebigen Weihnachtsbummel. Mit vielen gut gefüllten Tüten und abschließender Feuerzangenbowle auf dem Weihnachtsmarkt.

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