Susann Hesse und Martin Koj vom Modegeschäft UNIK.

»Unik«: nicht von der Stange eingekleidet

Wer darüber klagt, dass es in Wolfenbüttel nichts Besonderes in Sachen Frauenbekleidung gibt, der sollte sich unbedingt bei Unik auf der Langen umschauen.

Da ich die Wolfenbütteler Innenstadt liebe, erledige ich gern möglichst viele Dinge hier. Weil es in der Stadt gute Frisöre gibt, wird auch diese regelmäßige Pflichtübung hier von mir erledigt. Bei der Gelegenheit komme ich ins Gespräch. »Ich habe Dich gerade neulich in so einer Boutique auf der Langen gesehen. Zwischen Telekom und Porst«, bemerkte die Frisörin meines Vertrauens und ergänzt, dass sie diesen Laden vorher nie wahrgenommen hat. Tatsächlich ist er eher schmal, aber dafür lang. Edel und zurückhaltend verspricht der Name Unik, und dass »frau« hier nichts von der Stange bekommt. Ganz früher war dort Salamander drin. Wenn ich heute in den Laden von Susann Hesse und Martin Koj schlendere, bin ich zuerst erstaunt wie hell es in dem Ladengeschäft der Altstadt ist. Das Geschäft zieht sich nach hinten bis zur Brauergildenstraße und ist vorne mit durchbrochenen Fenstern offen. Als ich mir den Laden anschaue, warten die beiden Inhaber dieser feinen Boutique im Kassenbereich. Neben dem normalen Tresen ist ein alter Apothekenschrank platziert und strahlt eine gemütliche Stimmung aus.

Schon die Raumgestaltung ist ein Genuss

Erst mal genieße ich die schöne Gestaltung und wundere mich, dass diese Boutique bisher nicht auf meinem Radar lag. Da geht es meiner Frau und mir nicht anders als der erstaunten Frisörin. Vor den Fenstern steht ein graues Sofa mit kleinem Tisch, der auf einem mediterran blauen Teppich steht. Begehbare Schränke öffnen den Raum, so wie die Türen zwischen den Umkleidekabinen, die auf alt gemacht sind und trotzdem frisch leuchten. »Das war gar nicht so einfach bis wir den Restauratoren klar machen konnten, was wir da eigentlich in der Gestaltung haben wollten«, lacht Inhaber Martin Koj. Und Susann Hesse, die gerade noch eine Kundin beraten hat, ergänzt wie in einem Guss: »Aber nach einiger Zeit haben die Handwerker doch verstanden, wie wir das meinen.« Ihren Stil haben sie auf Mallorca gefunden. Beide schätzen dort die kleinen Fincas in abgelegenen Dörfern, fernab der großen Touristenströme.

Die beiden selbstständigen Modehändler wirken harmonisch und eingespielt, obwohl sie ganz und gar unterschiedlich sind. Er: ruhig, zurückgenommen mit einem entspannten Lächeln. Sie: temperamentvoll und begeisternd, ohne dabei dem Kollegen beim Gespräch den Raum zu nehmen.

Ein Modeprojekt für Wolfenbüttel

Susann Hesse – schlank mit einem modischen, klaren Stil, der ihre Liebe zum Detail verrät. Martin Koj mit eng geschnittener Jeansjacke, die ich so noch nicht gesehen habe. Er ist modisch gekleidet und zurückhaltend– ebenso wie er auf mich auch im Gespräch wirkt. Es ist vor allem dem Unternehmungsgeist der Geschäftsleute geschuldet, dass die beiden ausgerechnet im beschaulichen Wolfenbüttel vor gut zwei Jahren ein Modeprojekt aufgezogen haben, das eine echte Lücke in der Stadt schließen konnte. Beide lernten sich bei einem bundesweit agierenden Ausstatter kennen: Martin Koj nach einer Schnupperphase beim traditionsreichen Modehaus Steeneck und Bähr in Wolfenbüttel und Susann Hesse in Hannover. »Ich wurde bereits von meiner Mutter immer mit ungewöhnlicher Mode exklusiv eingenäht. Da war mir das „Unik“ sozusagen schon in die Wiege gelegt«, erinnert sie sich. Denn das Einzigartige, sich von der Masse Abhebende war das, was sie gegen den modischen Vermassungstrend realisieren wollten, als sie im gemeinsamen Urlaub 2014 bei einem Gläschen Sangria am Pool lagen. »Da wir damals vor allem skandinavische Mode verkaufen wollten, sind wir kurzerhand beim schwedischen Wort „einzigartig“ (unik) hängengeblieben.«, erzählt Martin Koj.

Durch eine Treppe werden die zwei Ebenen verbunden.
Zwei Ebenen bieten alles, was »frau« für sich braucht. © Andreas Molau

Viele Stationen

Auf der Suche nach dem Besonderen war Susann Hesse jedenfalls von Anfang an. Wie Martin Koj ließ sie sich als Handelsfachwirtin ausbilden, damit sie Verantwortung übernehmen konnte. Und das klappte. Mit 25 war sie die jüngste Abteilungsleiterin im Betrieb. Sie wechselte die Standorte – Hamburg, Bremen, Hannover und dann Braunschweig – um sich immer wieder neue Herausforderungen zu suchen. In der Löwenstadt endlich übernahm sie auch in einem großen Wäschehaus Verantwortung. Nach ihrer langen Berufserfahrung stand für sie schließlich die Frage im Raum, wie es weitergehen könnte: In den ausgetretenen Pfaden als Beschäftigte weiterarbeiten oder einen Neuanfang wagen? »Ich hatte mir schon oft überlegt, ob nicht die Selbstständigkeit das Richtige sein könnte, um wirklich bis in die letzte Konsequenz Verantwortung zu übernehmen. «, erinnert sich Susann Hesse. Einmal sei es mit einer potenziellen Partnerin fast so weit gewesen. Das Ganze habe sich aber zerschlagen. Die Idee habe am Ende nur geruht und auf den richtigen Zeitpunkt der Realisierung gewartet.

Gemeinsamer Neuanfang

Umso wichtiger sei es gewesen, dass Susann Hesse ihren jetzigen Kompagnon kennenlernte: Martin Koj. Ebenfalls ausgebildeter Handelsfachwirt war er nach der Ausbildung bald Abteilungsleiter. Er fand ebenfalls, dass es das Richtige wäre neue Wege zu gehen. »Ich bin jetzt Mitte dreißig und es war der ideale Zeitpunkt, etwas zu wagen«, so Koj. Dass es Wolfenbüttel werden sollte, wo die beiden sich selbstständig machen, war beiden sofort klar. Hier ging Martin Koj zur Schule und machte sein Abitur. Hier lebt seine Familie, die ihm viel bedeutet, und alle Freunde. Hier fühlt er sich wohl. »Viele meckern, dass in Wolfenbüttel so viel fehlen würde. Und wir haben gedacht, dass wir eine große Lücke schließen können«, erzählt er. Susann Hesse ergänzt: »Wir wollen die Frau über 40 ansprechen, die sich zu einem vernünftigen Preis schick einkleiden möchte, ohne sich dabei auszustaffieren. « Neben dem Anspruch, besondere Marken anzubieten, die es weder in Wolfenbüttel noch zum Teil im Umfeld bisher gab, ist die Bodenhaftung den beiden Geschäftsleuten trotzdem wichtig. » Alles muss bezahlbar und tragbar sein«, erklärt Susann Hesse. So sind neben dem besonderen Stil auch die Verarbeitung und die Stoffe wichtig. »Ich selbst möchte nicht unter Polyester schwitzen und mute es deshalb auch meinen Kundinnen nicht zu«, schmunzelt sie. Was verkauft wird, das trägt sie vorher selbst und weiß, wie sich die Stücke anfühlen.

Martin Koj und Susann Hesse recherchieren im Internet.
Martin Koj und Susann Hesse nutzen eine kurze Pause für die Internetrecherche. © Andreas Molau, Stadt Wolfenbüttel

Modeberatung muss ehrlich sein

Bei der Beratung arbeiten die beiden im Team. »Wir spielen uns die Bälle zu, geben uns Anregungen, was zum Kunden passen könnte«, erklärt Martin Koj das Vorgehen. Entscheidend sei für die beiden absolute Ehrlichkeit: »Uns nutzt es nichts, wenn wir den Kundinnen sagen, das steht euch gut, und anschließend sind sie zu Hause nicht glücklich.« Das erzählen sie mir – nacheinander und ganz unabhängig. Denn erst bedient während des Gesprächs der eine, dann der andere. Das würde im Zweifel auch bedeuten, auf ein Geschäft ganz bewusst zu verzichten. Aber das Risiko wird bei Unik eingegangen. Und eigentlich sei noch keiner richtig böse gewesen, wenn mal gesagt wurde, dass ein Schnitt nicht passt, so Susann Hesse. Die Kommunikation sei ohnehin das Schöne am Einzelhandel. Manchmal kommen die Leute auch nur, um etwas zu erzählen. Persönliche Dinge, Kummer oder Glück. Für die Zukunft haben sich die Modefachleute in Wolfenbüttel einiges vorgenommen. Vor allem müssten die Menschen die Schwelle vor der Eingangstür überwinden. Niemand »müsse« etwas kaufen. Schauen und sich Anregungen holen sei jedoch durchaus erwünscht. Was ich bei alledem in jedem Satz spüre: Beide brennen für dieses Projekt. Es ist ihnen eine echte Herzensangelegenheit und nicht nur Mittel zum Broterwerb.

Frische Blumen sorgen für eine schöne Verkaufsatmosphäre.
»Durch die Blume« wird bei UNIK in der Beratung nichts gesagt… © Andreas Molau

Arbeit ist Teamarbeit

»Natürlich müssen wir mehr arbeiten als vorher«, räumt Susann Hesse ein. Aber dafür sei die Teamarbeit bei Unik ein Geben und Nehmen. Wo der eine die Nerven verliert – wenn es etwa um die Verhandlungen mit Speditionen oder Zulieferern geht – springt der andere ein. Wenn der eine mal früher gehen möchte, weil etwa etwas Familiäres ansteht, ist der Partner eben einfach ohne Fragen da. Denn beiden ist die Familie das Wichtigste. Martin Koj verbringt mit ihr seine schönste Zeit und Susann Hesse genießt ebenfalls die Tage mit ihrer Mutter, die sie regelmäßig besucht. Bei alledem ist das Geschäft das Kind, das sie gemeinsam großziehen möchten. Edel soll es sein und schick. Klasse statt Masse sind hier zu haben, wenn Frau sich einkleiden möchte: Von der Tasche über den Modeschmuck, Tücher, Schals und Hüte – all das ist hier zu haben. Und natürlich das richtige Kleidungsstück, das vom Einkaufsbummel aus der Wolfenbütteler Innenstadt mit nach Hause gebracht werden kann. Jedes Teil soll etwas Besonderes sein, versichern mir die beiden zum Abschied. Deshalb werde es auch in Seidenpapier eingewickelt. »Dann können sich die Kundinnen zu Hause gleich nochmal beim Auspacken freuen«, so Susann Hesse.

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