Harald Borm von Erdbrink & Vehmeyer.

Erdbrink & Vehmeyer: exklusive Herrenbekleidung bei Harald Borm

Wie schaffe ich es, 52 Jahre begeistert in einem Beruf zu arbeiten? Der Geschäftsinhaber Harald Borm kann mir viele Antworten darauf geben. Bei Herrenmode in Wolfenbüttel, komme ich nicht an ihm vorbei. Ich besuche den Modemann in seinem traditionsreichen Modegeschäft Erdbrink & Vehmeyer auf der Kommißstraße.

Das Geschäft Erdbrink & Vehmeyer auf der Kommissstraße.
Seit der Kaiserzeit suchen modebewusste Männer diese Adresse auf der Kommissstraße auf. © Andreas Molau, Stadt Wolfenbüttel

Das Unternehmen hat Wolfenbütteler Geschichte geschrieben. 1910 ist das Gründungsdatum. Damals war noch ein Kaiser der politische Lenker des Landes. Herrenbekleidung hing von der sozialen Herkunft ab. Wer dort einkaufte, gehörte zu den »besseren Leuten«. Ein Schneider höchst persönlich kümmerte sich um Anzug oder Frack.

Ich besuche Harald Borm, der in dem Geschäft 1966 seine Lehre angefangen hat. 1989 übernahm er das Geschäft und heute beschäftigt er sich nun langsam mit der Frage der Übergabe.

Wir gehen in den ersten Stock und setzen uns auf zwei Sessel. Hier hängen Jacken und Anzüge, Hüte werden angeboten sowie edle Schuhe, in denen viel Handarbeit steckt. Nicht nur die Gesellschaft hat sich in den vergangenen 108 Jahren, seit der Gründung des Geschäfts demokratisiert – auch die Mode. Wenngleich Anzüge und Businessbekleidung Harald Borm immer noch am meisten interessiert. Von der Badehose bis zu Strümpfen, Schlafanzüge über Shorts oder Cargohosen bis zum Anzug oder Smoking: Bei ihm bekommt »Mann« alles.

Harald Borm sitzt entspannt in seinem Geschäft.
Harald Borm. Von der Landwirtschaft zur Modebranche. © Andreas Molau, Stadt Wolfenbüttel

Das Leben auf dem Bauernhof

Der 67-jährige sitzt locker auf dem kleinen Sessel. Er ist schlank, hat kurzes Haar, trägt dunkle Jeans, weißes Hemd und ein modernes Sakko. Und auch wenn es wie ein Klischee-Kompliment klingt. Das Alter sieht man ihm nicht an.

Es war im Jahr 1966. Der 15-jährige Spund fuhr mit seiner Mutter von Hornburg nach Wolfenbüttel, also in die Stadt, um sich um eine Lehrstelle zu kümmern. Eigentlich hätte Harald den Hof seines Großvaters übernehmen sollen. Der kam als Vertriebener nach dem Zweiten Weltkrieg in die Region. Nachdem er erst ein Fuhrunternehmen gegründet hatte, wollte der Landwirt endlich wieder in seinem eigentlichen Beruf arbeiten. 1954 ergab sich die Chance zur Übernahme eines Hofes in Hornburg und so wuchs Harald Borm in dem kleinen Städtchen auf.

Harald Borm arbeitet an seinem Laptop.
Wichtiges wird natürlich vom Laptop aus erledigt. © Andreas Molau, Stadt Wolfenbüttel

»Ich hatte eine tolle Kindheit«, schwärmt er. Von Anfang an arbeitete er in der Landwirtschaft. »Bereits als 9-jähriger durfte ich Trecker fahren. Mein Vater hinten auf dem Rübenernter und ich am Steuer. Das sind schöne Erinnerungen«, so Borm. Ab und zu sei er zwar mal aus der Reihe gekommen, wenn ihn ein Hase ablenkte, der über das Feld hoppelte, lacht er. Aber ansonsten hatte er die Dinge schon als Kind im Griff.

Von Willekes Lust in die Dolomiten

Bei Willekes Lust habe er auch eine neue Leidenschaft kennengelernt. Im Laufe des Gesprächs zeigt sich: Harald Borm ist ein Mann, der sich immer wieder begeistern kann für neue Dinge. Auf dem kleinen Hang lernte er das Skifahren. Es sei flott zwischen den Kirschbäumen hindurchgegangen. Später verfeinerte er seine Fähigkeiten auf den Brettern im Harz und dann in Österreich. Heute sind ihm die Dolomiten das liebste Skigebiet. In manchen Jahren habe er gar keinen Sommerurlaub gemacht. So groß war die Sehnsucht danach, die Berge hinunterzugleiten.

»Ich habe mir oft überlegt, ob es ein Fehler war, den Betrieb meines Großvaters nicht zu übernehmen. Denn die Arbeit hat mir eigentlich Spaß gemacht«, sinniert Harald Borm. Aber das Leben wollte es anders. Schon als 15-jähriger aß er für sein Leben gern Kuchen und Torten. Er hatte das Ziel, Koch oder Konditor zu werden. Also steuerten er und seine Mutter an jenem schicksalhaften Tag 1966 den »Kronprinz« an – ein Hotel auf der Bahnhofstraße. Eine Stelle als Koch war bereits vergeben. Also gingen die beiden weiter durch die Kommißstraße und an Erdbrink & Vehmeyer vorbei.

Die Fläche und das Angebot haben sich in den über hundert Jahren immer mehr vergrößert.
Fläche und Angebot haben sich in den über hundert Jahren immer mehr vergrößert. © Andreas Molau, Stadt Wolfenbüttel

Der Sprung ins kalte Wasser

»Ich hatte damals gar keine Ahnung, was mich erwarten würde«, lächelt Harald Borm. Aber der Jugendliche hatte plötzlich die Idee: Ich werde Kaufmann. Er stellte sich vor und bekam die Lehrstelle. »Das war schon eine ganz andere Zeit«, räumt er ein.

Im ersten Stock, wo wir jetzt sitzen, war keine Ladenfläche. Die entstand erst mit der Umgestaltung, die er nach 1989 vorgenommen hatte – zuerst als Gesellschafter und seit zehn Jahren als geschäftsführender Gesellschafter. Aber auch im unteren Bereich war die Verkaufsfläche kaum halb so groß wie heute. »Im heutigen Kassenbereich war Schluss. Wir hatten halb so viel Fläche, weniger als halb so viel Umsatz aber mehr als doppelt so viel Mitarbeiter. Ich weiß gar nicht mehr, wie das kaufmännisch geklappt hat«, fragt sich Harald Borm.

Dazu kam, dass das Angebot noch breiter gefächert war als heute. Es gab eine Knabenabteilung sowie Berufsbekleidung in allen Formen und Farben. Eine harte Lehrzeit sei es gewesen. Sein unmittelbarer Chef, der damals Geschäftsführer war, habe sich streng aber doch gerecht verhalten. »Nur, wenn der eigentliche Besitzer einmal im Jahr kam, war Ausnahmezustand. Es musste alles gewienert werden. Und trotzdem fand er immer etwas. Das war schon ein unangenehmer Mensch«, erinnert sich Borm.

Hier gibt es Baukastenanzüge.
Baukastenanzüge für den Business-und Travelbereich soweit das Auge reicht. © Andreas Molau, Stadt Wolfenbüttel

Mode macht Spaß

Mode und Kleidung sollten Harald Borm nicht mehr loslassen. Noch heute, nach so vielen Jahren, schwärmt er, dass er in der schönsten Branche der Welt arbeite. »Mode macht einfach Spaß«, bekennt er.

Auch die Bundeswehrzeit unterbrach diese Tätigkeit nicht wirklich. Nach seiner Grundwehrzeit in Goslar verlängerte Harald Borm auf zwei Jahre und arbeitete in Braunschweig in der Kleiderkammer. Das war eine ruhige Zeit. »Ich habe mehr Kuchen gegessen als gearbeitet«, lacht er. Sein Vorgesetzter hätte vor allem auf Sauberkeit geachtet und sich im Gegenzug dafür verwendet, wenn sein Schützling am Wochenende frei haben wollte. Interessen waren genug da. Mit Freunden »um die Häuser ziehen«, Tennis spielen oder Kegeln. Langeweile scheint Harald Borm nicht zu kennen.

Schließlich ist da noch die leidgeprüfte Treue zu seinem Fußballverein, der Eintracht. Schon 1972 hatte er dort eine Dauerkarte. Dort, wo heute die Promis gepolstert sitzen, gab es noch Holzbänke. Am Schornstein der damaligen Eintrachtkneipe konnte er sich wärmen. Jetzt, in den Niederungen der 3. Profiliga steht Harald Borm wie so viele andere in der Region natürlich trotzdem zu seinem Verein.

Hier gibt es Mode für den Mann.
Mode für den Mann – ob im Freizeit- oder Businessbereich. © Andreas Molau, Stadt Wolfenbüttel

Die Treue zu »E&V«

Einen kurzen Augenblick hatte es so ausgesehen, als trennen sich die Wege von Erdbrink & Vehmeyer und Harald Borm. Nach seiner Bundeswehrzeit bekam er das Angebot, eine Filiale des Nähmaschinenherstellers Singer zu übernehmen, und seine Entscheidung war eigentlich schon gefallen. Fast doppelt so viel Gehalt und Verantwortung lockten den jungen Mann. Der Herrenausstatter wusste, was er an dem modebegeisterten Mitarbeiter hatte, konnte zwar mit dem Konkurrenten finanziell nicht gleichziehen, legte aber etwas drauf und hielt ihn. »Das Kuriose war, dass mein damaliger, älterer Kollege dann natürlich auch mehr bekam«, freut sich Borm noch immer.

Und so ergab sich trotz Brüchen im Privatleben, die er beklagen musste, und vielfältiger Interessen eine beständige Größe in seinem Leben: Erdbrink & Vehmeyer. Die verschiedenen Modeströmungen in den Jahrzehnten sieht er gelassen. »Über manche Dinge muss ich heute lächeln. Aber insgesamt muss ich doch sagen. Jede Zeit hat ihre Modesprache und das finde ich auch gut so«, stellt er fest. Was augenblicklich Trend ist, mag er besonders gern. Um auf dem Laufenden zu bleiben besucht er nicht nur Messen, wälzt die aktuelle Fachpresse, sondern befindet sich zusätzlich in einem regelmäßigen Erfahrungsaustausch mit Kollegen aus ganz Norddeutschland.

Wie geht es weiter?

Auch, wenn er langsam ans Aufhören denkt, liegt Harald Borm das traditionsreiche Modegeschäft am Herzen. »Es soll auf jeden Fall weitergehen«, versichert er. In den Startlöchern steht sein Mitarbeiter Naim Miftari, mit dem er schon viele Jahre vertrauensvoll zusammenarbeitet. Wann und wie sich alles entwickelt, lässt der Chef noch offen.

Mitarbeiter Naim Miftari und Geschäftsinhaber Harald Borm.
Naim Miftari und Harald Borm. © Andreas Molau, Stadt Wolfenbüttel

»Ich musste erstmal einige Jahre Baustelle am Kornmarkt und an der Kommisse verkraften, aber jetzt geht es wieder aufwärts«, freut sich Borm. Wenn er zur Karnevalszeit in Köln aktiv am närrischen Treiben teilnimmt – eine Leidenschaft, die ihn vor 17 Jahren erfasst hat – oder wenn Harald Borm im Frühjahr auf der »schönsten Insel«, Mallorca, die Mandelblüte bestaunt, dann weiß er sein Geschäft bei Naim Miftari in guten Händen. »Ich denke und plane nur noch in Ein-Jahres-Schritten«, erklärt Borm. Natürlich würde er einem Nachfolger mit Rat und Tat zur Seite stehen.

Aber auch im Beruf des Kaufmanns müsse er irgendwann loslassen, meint er. Denn trotz der 52 Jahre Zusammengehörigkeit sind Harald Borm und Erdbrink & Vehmeyer noch immer eine Einheit. Und niemand anderes als er dürfte dieses Geschäft, in dem sich Männer seit über 100 Jahren schick machen, so stark geprägt haben.

Weitere Informationen zu Erdbrink & Vehmeyer

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