Martin Geißler von Bücher Behr.

»Bücher Behr« ist ein Kosmos für Bücher

Auf dem Kornmarkt gibt es eine Bücherinsel für alle, die Geschichten, Informationen, Bilder, einen Rat oder was auch immer noch zwischen zwei Buchdeckeln fühlen wollen. Martin Geißler ist mit seiner Mannschaft dabei der Robinson in diesem kleinen Bücherkosmos.

»Empört Euch! Der Himmel ist blau.« Ich muss schmunzeln, während ich auf Martin Geißler warte. Ich sitze in seinem Büro im hinteren Bereich von »Bücher Behr« auf dem Kornmarkt.

Das Ladengeschäft Bücher Behr von außen auf dem Kornmarkt …
Eine Insel auf dem Kornmarkt … © Andreas Molau, Stadt Wolfenbüttel

Der Buchhändler hat mir einen Platz auf einem herrlich altmodischen Sitzmöbel angeboten und bereitet noch einen frischen Espresso zu. Er hat das Geschäft von seiner Mutter Hiltrud Behr vor rund sieben Jahren übernommen.

Ich bin umgeben von Büchern – Leseexemplare vermutlich –, Einladungen, Papieren aller Art in kleinen Stapeln und Häufchen. Zwei große Schreibtische stehen sich gegenüber. Ein schmales Fenster dahinter gibt frei, was sich in der Wolfenbütteler Innenstadt hinter den Fassaden befindet.

Und dann dieser Zettel: »Empört Euch!«. Empörung geht schnell. Ich weiß nicht, ob Martin Geißler den Zettel dort hingehängt hat. Aber er passt zu dem ruhig wirkenden Mann, der leise lächelt und der zuhören kann.

Die beste Ware

Kunden ahnen seinen stillen Humor, wenn er aus den Gesprächen heraushört, welches Buch aus den Regalmetern zu ihnen passen könnte. Bei Facebook freue ich mich oft, wenn ich mir in humorvollen Beiträgen ansehen kann, was täglich in der traditionsreichen Buchhandlung passiert.

Viele Bücher stehen in den Regalmetern von Bücher Behr.
Bücher, Bücher, Bücher … © Andreas Molau, Stadt Wolfenbüttel

Bevor ich etwas über Martin Geißler erfahre, interessiert mich seine Beziehung zu Büchern. Er zögert eine ganze Weile, nippt an dem Espresso. »Für mich als Buchhändler ist das die beste Ware, die es überhaupt gibt. Als Kaufmann könnte ich natürlich auch Schokolade verkaufen oder Kleidung. Aber nichts wäre so vielfältig wie Bücher«, sagt er. Ich spüre seine Begeisterung.

Die Bücherwelt sei ein wahrer Kosmos, in dem er immer etwas Neues entdecken könne. »Mit jedem Buch geht es wieder los und endet nicht«, meint er. »Ein Leben reicht nicht für alles«, räumt er ein und zeigt mit einer schmunzelnden Geste auf das Büro und seine unerledigten Arbeiten.

Die schiere Fülle des Lebens

»Der Anspruch, die schiere Fülle des Lebens bewältigen zu können, ist vermessen. Wir denken ja im Allgemeinen wir würden uns weiterbewegen und treten doch nur auf der Stelle«, gibt er zu bedenken. Von privaten Gedanken kommt Martin Geißler zu gesellschaftlichen Themen. Er verknüpft verschiedene Ebenen fast unmerklich.

Ich höre ihm gern zu, denn er wählt seine Worte sorgsam aus. Das zeigt mir, dass er die Sprache schätzt und würdigt. Worte können verletzen und sie können heilen. Nichts anderes fasziniert die Menschen an einem Buch, das den Fluss der Worte noch einmal ordnet und ihm Zeit und Raum gibt.

Reiseführer und Stadtpläne sorgen für gute Orientierung in fremden Ländern und Städten.
Für Orientierung ist gesorgt. © Andreas Molau, Stadt Wolfenbüttel

Bevor Martin Geißler zum stationären Buchhändler in einer kleinen Stadt wie Wolfenbüttel wurde, ist er viel rumgekommen. Als Sohn eines Offiziers gehörten Ortswechsel zum Lebensalltag. Die Familie pendelte zwischen Bayern und der Lüneburger Heide.

Die Suche nach dem Lebensziel

»Natürlich spielten Bücher beim Heranwachsen eine Rolle«, erzählt er. Gleichzeitig bekennt Martin Geißler freimütig, dass ihm Mädchen und Musik aber eine ganze Weile wichtiger waren als das, was sich zwischen zwei Pappdeckeln entfalten kann. Eine Zeit lang, so Geißler, habe sogar die Frage im Raum gestanden, ob die Musik nicht sein Lebensziel sein könnte: »Nach meiner Studienzeit hat sich aber die Erkenntnis gefestigt, dass ich Musik lieber genießen sollte, als aktiv zu musizieren. Das können andere besser.«

Was nicht vorrätig ist wird über den Computer bestellt und kommt meistens innerhalb von einem Tag.
Was nicht vorrätig ist wird bestellt und kommt meistens innerhalb von einem Tag. © Andreas Molau, Stadt Wolfenbüttel

Nach der Schule und dem Abitur wollte er zunächst in Augsburg sesshaft werden. Hier absolvierte Martin Geißler seinen Zivildienst und studierte danach. Die Verweigerung des Wehrdienstes habe sein Vater gelassen genommen. »Er kannte das von seinen Kollegen«, schmunzelt Geißler. Das Studium war für ihn eine Zeit der Suche.

Ein großes Abenteuer

Ich denke, die Hochschule sollte ein Ort sein, an dem Lehrende und Lernende neue Antworten und Fragen finden. Gemessen an diesem Anspruch hat Martin Geißler die Zeit genutzt. »Ich habe studiert und Geld verdient, um Reisen zu können und die Welt zu entdecken«, erzählt er.

In der Buchhandlung Bücher Behr bekomme ich mehr als nur Bücher, wie zum Beispiel Pfefferkörner, Servietten und Gläser.
Wer sagt, dass ich in einer Buchhandlung nur Bücher bekomme? © Andreas Molau, Stadt Wolfenbüttel

Dabei war er als »Hiwi« – Hilfswissenschaftlicher Mitarbeiter – tätig oder er jobbte in Buchhandlungen. Es zog ihn in dieser Zeit nach Nepal und Indien. Nicht, weil er dort einen anderen Glauben annehmen wollte, erklärt er mir. »Es war ein großes Abenteuer. Und die Kulturen repräsentierten für mich einen Reichtum, den ich nie ganz verstanden habe, der mich aber bereichert hat«, so Geißler. Natürlich spielte Esoterik eine Rolle und die passende Literatur begleitete den Buchhändler bei allen Fragen des Seins und nach dem Sinn des Lebens.

Die Neugierde von damals spüre ich noch immer, wenn Martin Geißler von Projekten spricht, mit denen er seine Buchhandlung weiterentwickeln möchte. Martin Geißler wirkt nicht satt, sondern hungrig nach neuen Eindrücken.

Die Großstädte

Wie es mit »Wanderjahren« ist: Sie sind schön, aber irgendwann sind sie vorbei. »Irgendwann habe ich eingesehen, dass das auf Dauer keine Perspektive ist«, stellt er lapidar fest. Eine Alternative zur Musik, so dachte er, würde sich erst mit einem wirklich neuen Blickwinkel einstellen.

Bei Bücher Behr gibt es auch Kuscheltiere.
Bei Behr treffe ich nicht nur sympathische Menschen. © Andreas Molau, Stadt Wolfenbüttel

Dazu war für ihn der Umzug in eine andere Stadt notwendig. »Ich wollte endlich in einer richtigen Stadt leben. Eine Großstadt«, so Geißler. Für ihn kamen damals dafür Frankfurt, Berlin und Hamburg infrage, die er der Reihe nach ausprobierte. Die Mainmetropole Frankfurt habe ihn fasziniert: die Skyline und die Gegensätze – gerade rund um den Bahnhof. Ein Freund wohnte dort und erleichterte ihm den Umzug.

Mit etwas Geld von den letzten Jobs war eine sorgenfreie Zeit möglich. Aber Frankfurt erwies sich nicht als der »Genius Loci« – der Ort, an dem sein Geist zur Ruhe kommt. »Eigentlich handelt es sich gar nicht um eine Großstadt. In einer guten halben Stunde hatte ich die City durchquert«, erinnert er sich. Berlin sei eine andere Klasse gewesen. Aber dort gefiel ihm die Eigenart der Stadt nicht. Also zog er nach Hamburg – der richtige Standort, zur richtigen Zeit. Das »Tor zur Welt« wurde sein Tor zu einem neuen Leben.

Eine neue Ausbildung und die richtige Bestimmung

»Bei Hamburg habe ich sofort gedacht: Das ist es!«, resümiert er heute. Seine Geldreserven waren inzwischen aufgebraucht und so passte es, dass Martin Geißler eine Stelle beim Buchgroßhändler LIBRI bekam. Diese Arbeit zeigte ihm, dass Bücher für ihn der richtige Berufsgegenstand sind.

Martin Geißler arbeitet hinter dem Tresen seiner Buchhandlung.
Martin Geißler. Was gibt es Neues im Bücherkosmos? © Andreas Molau, Stadt Wolfenbüttel

Nur der Weg und das Ziel waren ihm noch unklar. Um seine weitere Zukunft auf feste Füße zu stellen, entschloss er sich zu einem zweiten Studium: Bibliothekswesen. In Hamburg klappte es nicht mit einem Studienplatz, also ging es für ihn nach Stuttgart. »Ich fand die Atmosphäre dort auch schön. Wer weiß, vielleicht wäre ich dortgeblieben, wenn ich bereits Familie gehabt hätte«, räumt er ein.

So aber ging er nach drei Jahren zurück nach Hamburg in eine namhafte Buchhandlung. »Der Buchhandel war mir doch etwas lieber, schneller und moderner als eine öffentliche Bibliothek«, erklärt er seinen Schritt. Bei Boysen & Maasch stürzte er sich ins Weihnachtsgeschäft und wurde anschließend nach Norderstedt weiterempfohlen.

Der Buchhändler

Bei dieser Filiale arbeitete sich Martin Geißler nach oben: Vom Warengruppenleiter, zum stellvertretenden Filialleiter, bis zum Filialleiter. Als er anfing, sich im Konzern nach neuen Aufgaben umzusehen, kam der Ruf aus Wolfenbüttel. »Meine Mutter hatte damals signalisiert, kürzertreten zu wollen. Und für mich war das wieder ein Zeitpunkt, wo ich dachte: Du kannst dich verändern«, so Geißler.

Eine der schönsten Buchhandlungen in einer der schönsten Städte zu übernehmen, lockte ihn. Martin Geißler schmunzelt, als er das sagt. In einer so kleinen Stadt wie Wolfenbüttel eine Buchhandlung zu erhalten, habe er als Herausforderung gesehen. Seine Mutter hatte den Laden gut aufgestellt, und als er in das Geschäft eintrat, gab es keine generationsbedingten Schwierigkeiten.

Die Kunden verlangten nach Kladden - und jetzt ist sie da: Die Papeterie-Ecke bei Bücher Behr.
Die Kunden verlangten danach – und jetzt ist sie da … © Andreas Molau, Stadt Wolfenbüttel

»Die Buchhandlung lief gut, also arbeitete ich mich ganz langsam ein«, erklärt er mir. Neue Dinge entstünden in einem kleinen Betrieb nicht auf dem Reißbrett. Sie ergeben sich aus der täglichen Arbeit. »Die Kunden kamen zum Beispiel immer wieder und kauften die wenigen Kladden, die wir hatten. Also richten wir ein paar Jahre später eine schicke Papeterie ein. So haben wir es vor zwei Jahren gehalten«, erklärt er mir seine Vorgehensweise.

Glücklich, dass es weitergeht

Später, als ich mich für das Wochenende mit neuem Lesestoff versorge, bestätigt mir Hiltrud Behr nicht nur, dass die Übergabe an ihren Sohn gut geklappt habe: »Ich war damals richtig glücklich, als sich die Übernahme abzeichnete.« Es war ein hartes Stück Arbeit, die Buchhandlung zu halten und auszubauen. Mit ihrem Mann Hartmut Nitschke und den anderen Kollegen hätten sie viel Kraft in »Bücher Behr« gesteckt.

Umso mehr habe sie sich gefreut, das die Buchhandlung in der Familie bleiben konnte. »Wir waren damals mit der Familie auf Bornholm. Ich überlegte, wer den Laden weiterführen könnte, als mein jüngerer Sohn fragte: Warum kann das nicht einer von uns machen?«, erinnert sie sich. Am Ende entschied sich der ältere der beiden Brüder für diesen Schritt.

Jetzt unterstützt Hiltrud Behr das Tagesgeschäft. Was die Zielsetzung angeht, wie eine Buchhandlung auszusehen hat, scheinen sich Mutter und Sohn sehr einig zu sein.

Die Menschen ein bisschen glücklicher machen

»Mir ist vor allem wichtig, mit »Bücher Behr« eine gute, klassische Buchhandlung zu führen, in der sich mein Kunde wohlfühlt.« Das antwortet mir Martin Geißler auf die Frage, welchen Charakter er seinem Geschäft zuschreibt. Das sei die eine Seite. Die andere: Trotzdem sollten die Menschen, die zu ihm kämen, gelegentlich überrascht werden mit einem Buch aus der »fantastischen Buchwelt«, mit dem sie nicht gerechnet hätten.

Jeder soll die Buchhandlung ein bisschen glücklicher verlassen, meint Martin Geißler.
Jeder soll die Buchhandlung ein bisschen glücklicher verlassen, meint Martin Geißler. © Andreas Molau, Stadt Wolfenbüttel

»Ich möchte eine Atmosphäre schaffen, in der die Kunden ein bisschen glücklicher aus dem Laden gehen, als sie reingekommen sind«, hofft Geißler. Dazu gehöre, dass die Buchhandlung zum Erlebnisraum werde. Hierher kommen Autoren, um ihre Bücher vorzustellen. »Ich habe ja eine Verantwortung. Wer anderes soll denn solche Menschen in eine Stadt wie Wolfenbüttel holen?«, fragt er mich.

Daneben organisiert »Bücher Behr« die literarischen Kinoabende „Als die Bücher laufen lernten!“. Wolfenbüttel ist dafür ein ideales Pflaster. Hier kenne jeder jeden.

Und mit allen Menschen, die auf seine Bücherinsel kommen, unterhält er sich gern. »Ich hatte in meinem Leben immer das Glück, in besondere Umstände geworfen zu werden, die mich weiterbrachten«, zeigt er sich dankbar. Seine positive Art macht die Unterhaltung zwischen ihm und seinem Kunden so interessant. Das galt auch für mich, bei diesem Gespräch für das Einzelhändlerporträt und bei jenen, die sich um den schönsten Luxus der Welt drehen: Bücher.

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