Herzog Julius - nicht so hoch zu Rosse …

Die Juliusstadt: Das Quartier der Potenziale

Ursprünglich war der Stadtteil »Juliusstadt« ein ambitioniertes Industrieprojekt, das einige Jahrhunderte später sogar realisiert wurde. Heute ist sie in Quartier in Wolfenbüttel mit viel Kultur und Lebensart.

Herzog Julius - nicht so hoch zu Rosse …
Herzog Julius – nicht ganz so hoch zu Rosse … © Denver Künzer

Entschleunigung ist das Gebot der Stunde

Wenn ihr euch für Wolfenbüttel Zeit nehmt – Entschleunigung ist ja das Gebot der Stunde – ist natürlich die Kernstadt erster Anlaufpunkt. Aber auch die Stadtteile sind immer einen Abstecher wert. Nachdem wir, Denver und ich, zunächst in der Auguststadt waren, haben wir uns nun die Juliusstadt genauer angesehen.

In Wolfenbüttel dreht sich nicht alles, aber einiges um die Herzöge: August, Julius …. Die Innenstadt beispielsweise heißt »Heinrichstadt«. Viele dieser kleinen Machthaber setzten eine Duftmarke. Einen Stadtteil zu gründen war das Wenigste. Die Juliusstadt könnte ein bisschen als Stiefkind bezeichnet werden.

Der Okerpirat legt ab.
Der Okerpirat legt ab. © Denver Künzer

Durch die Wallstraße in die Juliusstadt

Wenn ihr von der Wallstraße aus in Richtung Osten bummelt, könnt ihr einige Geschäfte auf dem Weg mitnehmen: Haushaltswaren, Jagdbedarf, Goldschmiede und Kunsthandwerk sind da im Angebot.

Die Juliusstadt könnte ein kleines Kreuzberg werden. Gut, das ist etwas hochgegriffen. Aber ich hatte bei unserer Recherche immer wieder diese Assoziation. Und unser Stadtführer, Michael Flak, ein umtriebiger Immobilienmann und Stadtsanierer, den wir treffen, verstärkt diesen Eindruck.

Aber erstmal wollen wir noch kurz in die Geschichte zurückgehen: die Juliusstadt – das Stiefkind. Da gab es den Herzog Julius, der dieses Prestigeobjekt aus dem sumpfigen Boden der Stadt stampfen wollte.

Kleinod aus der alten Brauerei Germania.
Kleinod aus der alten Brauerei Germania. © Denver Künzer

Wie alles begann …

Die Geschichte Wolfenbüttels ist immer verknüpft mit der Braunschweigs – ein bisschen so wie das Verhältnis zwischen der Löwenstadt und der Landeshauptstadt westlich von Peine. Mit dem Beginn der Neuzeit, also Anfang des 16. Jahrhunderts, etablierten sich in Deutschland überall die Städte und mit ihnen ein selbstbewusstes Bürgertum.

Braunschweig war eine Handelsstadt, sogar im Hansebund. Das hat den Herzögen, die sich ihren Herrschaftssitz in Wolfenbüttel aufbauten, nie geschmeckt. Also wollte dieser Herzog Julius seinen Stadtteil als Handels- und Industriestadt anlegen. Die Bezeichnung »Gotteslager« hat übrigens nichts mit dem Allmächtigen zu tun, sondern mit den Gütern, die dort umgesetzt werden sollten.

Rund um den Juliusmarkt gibt es einige Angebote …
Rund um den Juliusmarkt gibt es einige Angebote … © Denver Künzer

Große Potenziale …

Um es kurz zu machen: Er wurde damit nicht fertig und sein Sohn Heinrich Julius kümmerte sich lieber um die Entwicklung der Innenstadt und widmete sich, statt der wirtschaftlichen Ambitionen seines Vaters, dem Ausbau der schönen Künste. Also gab es in der Juliusstadt zwar Handel und Gewerbe – das aber doch eher bescheiden.

Der Stadtteil ist heute ein Ort der Potenziale. Das muss auch Michael Flak gedacht haben. Er ist ein Juliusstädter. Wir sind mit ihm in der ehemaligen Wolfenbütteler »Germania-Brauerei« verabredet. Passend zu dem alten Gewerbe, braut Michael Stier, der Okerpirat, schräg gegenüber heute sein Bier. Diese Bootsstation ist nach dem Wehr, am Ausgang der Wallstraße, die Eingangspforte zur Juliusstadt.

Hier war früher ein Luftschutzbunker.
Hier war früher ein Luftschutzbunker. © Denver Künzer

Zu Gast bei Michael Flak

Michael Flak empfängt uns in der alten Scheune des weitgehend restaurierten Industrieprojekts. Ich stellte mir Geschäftsleute seines Schlages ein bisschen so vor wie in der Serie »Bad Banks«. Flak empfängt uns anders: barfuß, scheinbar tiefenentspannt und freundlich. Vor der Tür wartet ein liebevoll aufgearbeiteter Bulli auf eine gemütliche Fahrt.

In dem geschmackvoll eingerichteten hallenartigen Foyer mit Blick auf die Oker ist über einer freistehenden Küchenzeile eine Holzarbeit angebracht, die aus der alten Brauerei stammt. »Die haben Tischler nur ein bisschen gesäubert. Wir haben sie bei den Renovierungsarbeiten gefunden«, erzählt Flak, während wir uns an einen großen Esstisch setzen.

Steinmetzhandwerk in der Vergangenheit. Auch heute noch wird es ihn der Juliusstadt gepflegt.
Steinmetzhandwerk in der Vergangenheit. Auch heute noch wird es ihn der Juliusstadt gepflegt. © Denver Künzer

Vergangenheit und Zukunft

Er ist in diesem Stadtviertel aufgewachsen und schwärmt von der alten Kneipenkultur. An seinen beiden Händen zählt er ab, wo sich die Menschen früher gesellig zu einem Bier getroffen haben. Michael Flak ist aber niemand, der im Gestern lebt. Vor acht Jahren hatte er nach zähem Ringen den Gebäudekomplex übernommen und setzte Stück für Stück mit der Restaurierung seine Visionen durch.

Er schuf Wohnquartiere für Studentinnen und Studenten, Wohnungen und wertete den ganzen Komplex damit auf. In der alten Eishalle der Brauerei fanden schon Konzerte, Veranstaltungen und Ausstellungen statt. Wir gehen mit einer Taschenlampe vorweg die Stiege herunter und staunen. In so einem Raum, könnte genauso gut eine schicke Bar sein.

Der Eiskeller der Brauerei Germania. Hier fanden schon kleine Veranstaltungen statt.
Der Eiskeller der Brauerei Germania. Hier fanden schon kleine Veranstaltungen statt. @ Denver Künzer

Zahlreiche Projekte rund um die alte Brauerei

Derweil stellt Michael Flak ihn uneigennützig für Projekte zur Verfügung: »Wir hatten hier schon eine tolle Weihnachtsfeier, hier wurde ein Musikvideo gedreht, es gab private Konzerte oder eine Ausstellung. Wer eine gute Idee hat, der kann sich gern an mich wenden. Vielleicht passt sie ja in den Eiskeller.«

Und: Da ist hinter dem Wehr die Oker, die vor allem in der Frühjahrssaison dort rauscht. »So wie in München am Eisbach im Englischen Garten waren hier schon Surfer. Es gibt Ideen, wie hier eine stehende Welle erzeugt werden könnte«, schwärmt er. Schließlich: Direkt am Ausgang seines Wohnhauses führt eine Treppe in einen Keller, der abgesperrt ist.

Wunderbares Fachwerk gibt es auch in der Juliusstadt.
Wunderbares Fachwerk gibt es in der Juliusstadt auch. © Denver Künzer

Von Weltmeistern und Wundertüten

»Hier war früher ein Luftschutzkeller«, erklärt er. Gelegentlich kämen ältere Menschen vorbei und erinnerten sich an die Bombennächte des letzten Krieges. »Ich könnte mir gut vorstellen, dass hier Veranstaltungen mit Zeitzeugen gemacht werden könnten, die berichten«, meint er und führt uns zum Rundgang durch das Stadtviertel.

Kern der Juliusstadt ist der Markt mit der fabelhaften Konditorei »Tortenparadies Stern«. »Frau Stern, die dieses Geschäft führt, war einmal Weltmeisterin im Tortenbacken«, schwärmt er. Eine zweite Konditorei – das »Café am Teichgarten« – befindet sich direkt gegenüber dem Friedhof. Im Kernbereich gibt es einige Geschäfte, wie die »Wundertüte« oder die »Hochzeitsblume«. Aber hier gibt es – vom Podologen bis zum Tierarzt – auch sonst alles, was ich zum Leben brauche.

Alte Kuba-Musiktruhen lassen die Herzen von Musikliebhabern höher schlagen.
Alte Kuba-Musiktruhen lassen die Herzen von Musikliebhabern höher schlagen. © Andreas Molau

Industrie in der Juliusstadt: Kuba

Dazwischen finden wir immer wieder kleine architektonische Sahnestücke – liebevoll restauriertes Fachwerk und schöne Gärten. Ein Muss jedoch für Wolfenbüttelbesucher, darauf macht uns Flak nachdrücklich aufmerksam, ist der gesamte Komplex um die Kuba-Halle(n) auf der Lindener Straße. Die solltet ihr euch nach den »üblichen Besichtigungstouren« auch unbedingt angucken.

Dass nach vielen Menschenaltern hier des Herzog Julius eigentliche Idee verwirklicht wurde, ist eine der kuriosen Dinge, die die Geschichte bereithält. Ein »Zugezogener«, Gerhard Kubetschek, den es nach dem Krieg in die Lessingstadt verschlug, gründete mit den Kuba-Tonmöbelwerken einen Industriekomplex von Weltruhm, der in den 60er Jahren von einem amerikanischen Großkonzern aufgekauft wurde.

Das Sahnestück im KUBA-Tonmöbelmuseum.
Das Sahnestück im Kuba-Tonmöbelmuseum. © Andreas Molau

»Kuba« – Kultur, Geschichte, Wissenschaft

Heute ist der Komplex belebt und Anlaufpunkt für Touristen und Einheimische. Wenn ihr mit Kindern unterwegs seid, wäre (mindestens) ein Tag »AHA-Erlebnismuseum« ein Muss. Nach dem »Müssen wir wirklich diese Kirche besichtigen«, können Kinder und solche, die es geblieben sind, mit Versuchen und allerlei Installationen dem auf den Grund gehen, »was die Welt im Innersten zusammenhält«. 

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Wer sich für Unterhaltungselektronik interessiert, der ist im »Kuba-Tonmöbel-Museum« gut aufgehoben. Und auch weniger technikaffine Menschen, wie ich einer bin, werden von Uwe Erdmann und seinen Vereinskollegen des Kuba-Museums fasziniert von dem, was an diesem Ort vor 50 und mehr Jahren an technischen Innovationen in die Welt ging.

Auf den Spuren der Geschichte in der Juliusstadt.
Auf den Spuren der Geschichte in der Juliusstadt. © Denver Künzer

Unterhaltung – historisch und aktuell 

Ich treffe mich mit dem Vorsitzenden des Vereins, der früher aktiv an der Entwicklung dieser Technik in Wolfenbüttel gearbeitet hat und der nun in Führungen geduldig erklärt, was vor 50, 60 oder 70 Jahren möglich war. Da gibt es die legendären Musiktruhen, älteste Fernseher oder alte Schellackplatten sowie Wachswalzen die von den Anfängen der Unterhaltungselektronik berichten.

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Schließlich finden auf einer ganzen Etage echte Independent-Veranstaltungen des Vereins Forum Kultur e.V. statt, die die Frage beantworten: Was kann ich denn abends in Wolfenbüttel machen? Die Kulturinitiative bringt regelmäßig Rock, Metal, Indie, Folk und Weltmusik auf die Bühne. Aber auch Ausstellungen könnt ihr dort erleben sowie andere Kleinkunst.

Hinter dem Wehr gab es schon im Frühjahr Surfer.
Hinter dem Wehr gab es schon im Frühjahr Surfer. © Denver Künzer

Ausblicke auf die Zukunft

»In der Juliusstadt könnte sich etwas entwickeln. Es könnte ein kultureller Hotspot werden«, meint Michael Flak bei der Verabschiedung. Es sei wichtig, dass sich Wolfenbüttel auf seine Stärken besinne, motiviert er. Der Durchgang durch das Viertel, bestätigt das. Ich selbst werde nicht nur zum Torteessen, öfter vorbeischauen. Und ich kann das jedem empfehlen, der sich unserer schönen Stadt weiter nähern möchte.

Weitere Bilder von unserem Spaziergang durch die hübsche »Juliusstadt«

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