Barbi Kleinermann von Fingerhut Stoffe & Nähmaschinen.

»Fingerhut« – Auf Tuchfühlung gehen!

Im großen Zimmerhof gibt es ein Paradies für alle (Hobby-)Schneider. Bei »Fingerhut« gibt es mehr als 1.000 Ballen Stoff, Nähmaschinen, Zubehör, eine Schneiderei und sogar eine Werkstatt, um sich selbst ein besonderes Kleidungsstück zu nähen.

Ich freue mich heute auf mein Gespräch mit Barbi Kleinermann, die seit Juni 2016 Inhaberin von dem Nähgeschäft »Fingerhut« ist. Mit seinen vielen farbigen Stoffballen sieht das Geschäft von außen freundlich und gemütlich aus und lädt zum Stöbern ein.

Fingerhut: Seit 35 Jahren eine Adresse für Nähbegeisterte in Wolfenbüttel und Umgebung.Fingerhut: Seit 35 Jahren eine Adresse für Nähbegeisterte in Wolfenbüttel und Umgebung.
Fingerhut: Seit 35 Jahren eine Adresse für Nähbegeisterte in Wolfenbüttel und Umgebung. © Stadt Wolfenbüttel

Seit 35 Jahren gibt es »Fingerhut« bereits in der Wolfenbütteler Innenstadt. »Stoffe, Nähmaschinen, Mode« bewirbt die Internetseite, auf der es seit kurzem sogar einen »Shop« gibt.

Stoffe und Nähmaschinen

Im Laden herrscht reger Betrieb. Eine junge Frau lässt sich gerade Stoff zuschneiden. Andere Kundinnen stöbern zwischen Stoffen und Nähutensilien. Mitten im Geschäft rattert eine vollelektronische Stickmaschine, die ich mir später noch einmal erklären lasse.

In der Werkstatt finden die Kurse statt. Außerdem werden hier die Auftragsarbeiten genäht
In der Werkstatt finden die Kurse statt. Außerdem werden hier die Auftragsarbeiten genäht © Andreas Molau, Stadt Wolfenbüttel

Ich werde herzlich lachend von der gut gelaunten Inhaberin begrüßt. Wir gehen nach hinten in die »Werkstatt«. Und während sich Barbi Kleinermann noch eine Tasse Kaffee kocht, schaue ich mich ein wenig um. Zahlreiche Arbeitsplätze mit Nähmaschinen stehen da. Ich merke gleich, dass hier nicht nur Hosensäume neu genäht werden.

Dass Barbi Kleinermann sich mit diesem Laden selbstständig machen würde, war nicht abzusehen. »Ich stamme aus Berlin und habe ursprünglich im Gesundheitsbereich gearbeitet«, verblüfft sie mich. Der Weg vom Pharma-Außendienst zur Inhaberin eines bundesweit bekannten Näh- und Stoffgeschäftes hört sich lang an.

Der Weg nach Wolfenbüttel

So wie der Weg zwischen Berlin und Wolfenbüttel. Aber manchmal sind es kleine Zufälle, die lange Wege schnell verkürzen können: Bei Barbi Kleinermann war es die Liebe, die ihren Weg über Bremen nach Wolfenbüttel führte. »Mein Mann hat hier in der Region Arbeit gefunden und so zog es mich also nach Wolfenbüttel«, erinnert sie sich.

Nach ihrer erfolgreichen Tätigkeit im Gesundheitsbereich sei die Familie zunächst der große Programmpunkt ihres Lebens gewesen. Barbi Kleinermann erzählt mir sehr lebendig, wie es für sie nach den ersten Jahren mit ihren Kindern war, als sie wieder Zeit hatte, um sich nach einem neuen Hobby für sich umzusehen.

Barbi Kleinermann hantiert leidenschaftlich gern mit Stoffen.
Barbi Kleinermann hantiert leidenschaftlich gern mit Stoffen. © Andreas Molau, Stadt Wolfenbüttel

Bereits als Jugendliche nähte sie gern, berichtet sie. Da traf es sich gut, dass die Lessingstadt mit »Fingerhut« ein Geschäft hatte, das nicht nur Stoffe und Nähwerkzeug verkaufte, sondern auch Nähkurse anbot.

Vom Nähkurs zum Ladengeschäft

Dass ihr erster Nähversuch misslang, amüsiert sie heute. »Ich rate meinen Kundinnen deshalb immer, mit einem einfachen Stück anzufangen – ein Pullover oder Shirt«, erklärt Barbi Kleinermann.

Ihren ersten Blazer habe sie damals so oft auftrennen und ausbügeln müssen, dass er völlig seine Form verlor. Aber Barbi Kleinermann war begeistert vom Nähen und blieb dran. Sie absolvierte weitere Kurse und fragte schließlich nach fünf Jahren einfach nach, ob es in dem Geschäft eine Arbeitsmöglichkeit für sie geben würde.

Ein selbstgenähtes Männchen sitzt im Regal bei Fingerhut und zeigt: Hier geht es oft lustig zu.
Beim Schneidern geht es oft lustig zu … © Andreas Molau, Stadt Wolfenbüttel

»Verkaufen konnte ich schon immer ganz gut, also passte das«, schmunzelt sie. Zunächst arbeitete Barbi Kleinermann stundenweise neben der Familie bei »Fingerhut«, wo sie vorher in ihrer Freizeit nähte.

Nach sieben Jahren wollte ihre Chefin, Frau Trautmann, aus Altersgründen den Laden schließen. »Ich hatte eigentlich ziemlich rasch die Idee, das Geschäft zu übernehmen«, erinnert sich Barbi Kleinermann. Aber gerade weil sie sonst sehr spontan ist, wurde dieser Gedanke von ihr noch lange abgewogen: Würde sie das Ladengeschäft und ihre Familie gemeinsam schultern können? »Es waren einige Interessenten für den Laden da, aber irgendwie passte es nicht«, erzählt sie mir.

Wunsch nach Individualität

Kurz vor der Geschäftsaufgabe von Frau Trautmann hat sich Barbi Kleinermann dann aber für die Übernahme entschieden. »So ein Geschäft wie
»Fingerhut« durfte unsere Stadt nicht verlieren. Und für mich war es die Möglichkeit, jetzt wo die Kinder allmählich aus dem Haus gehen, einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen«, fasst sie ihre Motivation zur Übernahme des Geschäfts zusammen.

Dass ihre Entscheidung in eine Zeit fällt, in der das Nähen sehr beliebt sei, verlieh dem Projekt noch einmal entsprechenden Rückenwind. »Der Reiz des Nähens liegt gerade in der Umkehrung des Lebens, das wir führen«, sinniert die Geschäftsfrau. Die Mode werde immer uniformer und das Leben immer schneller.

Es gibt nicht nur Stoffe im Angebot, sondern auch fertig genähte Taschen.
Fertig genäht oder nur die „Zutaten“…? © Andreas Molau, Stadt Wolfenbüttel

»Fertigprodukte bestimmen den Alltag und da sehnen sich die Menschen in vielen Bereichen nach Individualität und Gestaltung«, erklärt sie. Einkochen, Bier brauen, handwerklich arbeiten – und Schneidern: Das alles sei im Kommen und werde immer beliebter.

Die Stickmaschine

»Das fängt meist bei jungen Müttern an, die für ihre Kinder unverwechselbare Kleidungsstücke herstellen wollen. Oft sogar mit einem eigenen Label«, erzählt sie mir.

Mit Kinderklamotten fängt (meistens) alles an …
Mit Kinderklamotten fängt (meistens) alles an … © Andreas Molau, Stadt Wolfenbüttel

Für die ersten Schritte tauschen sich die Hobby-Näherinnen in gemeinsamen Nachmittagen untereinander aus oder informieren sich im Internet. Danach kämen Barbi Kleinermann und ihre Kolleginnen ins Spiel. Denn bei »Fingerhut« werden nicht nur Stoffe und Nähmaschinen verkauft. Hier werden auch Kleider hergestellt und geändert. Und in Nähkursen, die über den ganzen Tag verteilt sind, wird die Fertigkeit dieses Handwerks an Interessierte weitergegeben.

»Das ist manchmal ein Spagat, alles unter einen Hut zu bekommen. Es ist aber dafür sehr interessant«, räumt sie ein. Mit einer Stickmaschine werden größere und kleinere Aufträge angenommen, damit etwa Praxen aber auch Junggesellenabschiede individuell gelabelte Kleidung bekommen. »Fünf bis sechs Kolleginnen sind deshalb immer da, um alles zu schaffen«, rechnet sie mir vor.

Gehobene Damenmode

Natürlich gäbe es bei circa 1.100 Stoffballen auch Stoffe für Männer oder für Kinder. Aber der Schwerpunkt bei »Fingerhut« liege, so Barbi Kleinermann, in der »gehobenen Damenmode«. Als exklusive Verkaufsstelle für Stoffe aus der Modezeitschrift Burda erreichen sie inzwischen sogar Stoffbestellungen aus Österreich, berichtet sie mir stolz.

Bei über 1.000 Stoffballen ist (fast) für jeden etwas dabei.
Bei über 1.000 Stoffballen ist (fast) für jeden etwas dabei. © Andreas Molau, Stadt Wolfenbüttel

Das ist auch der Grund, warum gerade der Internetshop aufgebaut wird. »Wenn ich gewusst hätte, was das für eine Arbeit ist, hätte ich mich das vielleicht nicht getraut. Allein die ganzen Fotos von den Stoffballen aufzunehmen, ist ein enormer Aufwand«, schmunzelt sie und fügt lachend hinzu: »Aber ich wollte ihn ja unbedingt haben.«

Und obwohl die Auswahl sehr groß sei. Es käme doch schon mal vor, dass ein spezieller Stoffwunsch nicht erfüllt werden könne. »Da hat vielleicht jemand in München einen ausgefallenen Stoff gesehen oder im Internet oder er hat ein Bild von einer Freundin bekommen. Wir nennen diese unerfüllbaren Wünsche nach Stoff ›karierte Maiglöckchen‹«, lacht sie. In der Regel gibt es bei »Fingerhut« aber immer auch eine Alternative.

»Wolfenbüttel näht«und
»Speed-Dating« 

In den Nähkursen entstehen immer wieder besondere Stücke. Beispielsweise habe eine Braut ihr eigens Hochzeitskleid geschneidert. Und auch ein Abschlusskleid für den Abiball sei schon mal dabei gewesen.

Um Nähen in Wolfenbüttel noch bekannter zu machen hat sich Barbi Kleinermann für April 2019 etwas Besonderes ausgedacht. Unter dem Motto »Wolfenbüttel näht« sind alle Interessierte eingeladen, zusammen in der Kommisse zu nähen. »Das soll in einer ungezwungenen Atmosphäre stattfinden, bei der sich die Teilnehmer austauschen können und viel Spaß haben sollen«, freut sie sich. 40 Plätze werden zu einem geringen Unkostenbeitrag angeboten. Die Mannschaft von »Fingerhut« ist gespannt, wie die Aktion angenommen wird.

Es gibt Stoffballen mit verschiedenen Stoffen zum Selbernähen.
Einladung zum Selbermachen. © Andreas Molau, Stadt Wolfenbüttel

»Auf jeden Fall wollen wir dort die Freude am Nähen vermitteln«, hofft Barbi Kleinermann. Am zweiten verkaufsoffenen Sonntag wird es außerdem ein »Speed-Dating« zwischen Kunden und Nähmaschinen geben, bei dem getestet werden kann, bei welchem Modell der Funke überspringt und das Herz höher schlägt.

Qualität und Beratung

Damit das Nähen zum Vergnügen wird, gibt es bei »Fingerhut« das richtige Werkzeug. »Bei einer Nähmaschine sollte auf die Qualität geachtet werden«, rät die Fachfrau. Denn hochwertige Maschinen ließen individuelle Nähträume einfacher wahr werden.

»Ein Schnäppchen beim Discounter ist zwar billiger, entwickelt sich jedoch schon bei der ersten mehrlagigen Naht zum Problemfall. Entweder bleibt die Maschine hängen oder es werden Stiche ausgelassen. Und eine Beratungsstelle gibt es dann in der Nähe auch nicht«, erklärt sie.

Als Fachgeschäft stehe bei »Fingerhut« aber nicht nur der Verkauf im Vordergrund, sondern auch die Wartung von alten Geräten. »Wer etwa eine 40-jährige Nähmaschine zu Haus stehen hat, kann sich manchmal glücklich schätzen. Manche Geräte können sich durchaus als Schmuckstück erweisen«, so Kleinermann.

Bei Fingerhut gibt es eine Wand voll mit unterschiedlichen Nähmaschinen.
Nach dem Nähmaschinenkauf gibt es eine einstündige Einweisung. Aber auch alte Maschinen werden gewartet. © Andreas Molau, Stadt Wolfenbüttel

Für die Neuanschaffung nimmt sich jede einzelne Verkäuferin viel Zeit für die Kunden. Nach dem Kauf gibt es eine umfangreiche, einstündige Einweisung in das Gerät, und natürlich kann der Kunde mit jeder Frage immer und zu jeder Zeit vorbei kommen. »Außerdem haben wir einen Servicepass, mit dem der Kunde im ersten Jahr Rabatte auf unsere Stoffe bekommt.«

Zukunftsperspektive

Trotz der allgegenwärtigen Internetkonkurrenz sieht Barbi Kleinermann zuversichtlich in die Zukunft: »Die Kunden schätzen die individuelle Beratung und viele Interessierte kommen sogar aus dem Umkreis bis Hannover seit Jahren zu uns.«

Schließlich seien sie als Fachgeschäft nicht nur bis zum Kauf des Produktes für die Kunden da, sondern genauso hinterher. Das sei eben der Unterschied zur virtuellen Welt.

Auch Bänder gibt es in verschiedenen Farben udn größen bei Fingerhut.
Auch die kleinen Dinge gibt’s bei Fingerhut. © Andreas Molau, Stadt Wolfenbüttel

Selbst die Baustelle Löwentor vor der Tür habe sich nicht negativ auf das Geschäft ausgewirkt. »Wir haben viele Baustellentouristen, die dann einmal die Gelegenheit genutzt haben, um zu schauen, was es alles Schönes bei uns gibt«, so Kleinermann.

Bei der Verabschiedung bekomme auch ich bei all den wunderbaren Stoffen richtig Lust aufs Nähen – »Das tapfere Schneiderlein« war ja schließlich auch ein Mann …

Weitere Informationen zu »Fingerhut«

Ein Gedanke zu “»Fingerhut« – Auf Tuchfühlung gehen!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ich akzeptiere