Torten in Kühlvitrine

Aber bitte mit Sahne: Traditionscafés in Wolfenbüttel

Heute will ich euch mal zwei „richtige“ Traditionscafés in Wolfenbüttel vorstellen, in denen es keinen Kaffee „Togo“ gibt, der Kuchen größtenteils noch selbstgebacken wird, die Atmosphäre gedämpft ist, der Service herzlich, der Kaffee noch richtig gefiltert wird und in denen man nicht auf dem Sprung ist, sondern sich einfach mal ein bis zwei Stunden Zeit nimmt und die Hektik des Tages vergisst. Das Café am Stadtmarkt von Herrn Schaudienst und das Lessingcafé von Frau Schien in der Kommissstraße.

Das Café – der Dauerbrenner in der Gastronomie

Beide Traditionscafés liegen mitten in der Altstadt, haben schon viele Jahre auf dem Buckel und bieten jeweils Platz für mehr als 50 Personen. Im Gespräch mit den Inhabern höre ich heraus, dass ihr euch zum Frühstück oder zur Kaffeezeit besser einen Tisch reservieren lassen solltet, denn da sind die jeweiligen Stammgäste in der Überzahl. Manchmal hilft aber auch die Vorausplanung nichts, weil bereits eine touristische Busgruppe das Café gekapert hat. Aber ich als Einzelperson finde immer noch ein Plätzchen und so genieße ich heute meinen Filterkaffee und das gedämpfte Stimmengewirr der vielen Gäste.

Reserviert Schild und Speisekarte
Reservierung erforderlich © Donata Segpiel-Schröder, Stadt Wolfenbüttel

Ein Ort zum Lesen, Genießen und Träumen

Ach, heute Morgen hatte ich noch keine Zeit, meine Tageszeitung zu lesen. Kein Problem, in beiden Häusern liegt sie aus, unsere Wolfenbütteler Zeitung, auch die BILD und diverse Regenbogenpresse-Blätter. Herrlich, wie beim Friseur. Ohne Scham kann ich hier mal darin blättern und mich über den neuesten Tratsch und Klatsch bei Hofe und in der Showbranche informieren. Bei einem leckeren Apfelstrudel mit Eis und Sahne im Café am Stadtmarkt, kann ich über die mageren Models nur milde lächeln.

Ein Stück Torte, Tasse Kaffee und Zeitung liegen auf dem Tisch
Gemütlich Zeitung lesen © Donata Segpiel-Schröder, Stadt Wolfenbüttel

Im Lessingcafé bei Frau Schien hat sich heute eine große Gruppe in einem durch eine Glaswand abgeteilten Bereich des Cafés gemütlich gemacht. Ist das eine Geburtstagsrunde? Nein, Frau Schien klärt mich auf: die Herrschaften spielen hier regelmäßig Bingo. Habe ich noch nie gespielt, aber es muss richtig Spaß machen, hin und wieder dringt Gelächter bis an meinen Tisch.

Cafés – nur was für Frauen?

Und nun zum Vorurteil, Cafés sind nur was für Frauen. Stimmt nicht; im Café am Stadtmarkt sehe ich regelmäßig auch Männerrunden, die über Gott und die Welt diskutieren und besonders über das kommunale Geschehen in unserer Stadt. Tja, so ein Kaffee ist doch ganz schön anregend und belebend … und Männer keine Seltenheit. Hier lässt man sich sehen und wird gesehen und gibt seine Meinung zum Besten.

Genießen, Treffen, Erinnern

In beiden Cafés findet ihr auf der Karte neben Kaffee, Kuchen und Eis auch eine Auswahl kleiner, leckerer Gerichte, wie zum Beispiel Toast Hawaii, Wiener Würstchen oder Ragout fin und natürlich anregende Getränke wie das Glas Prosecco, einen mundigen Rotwein, aber auch eines meiner Leblingsgetränke, ein Gläschen Eierlikör. Beim Nippen muss ich wieder an meine Kindheit denken: Eierlikör aufgefüllt mit Sinalco oder Fanta, dazu ein bunter Strohhalm, diesen „Eierflip“ durfte ich erstmals mit 14 Jahren zu Silvester trinken.

Gastraum im Lessingcafé Wolfenbüttel
Lessingcafé in Wolfenbüttel ©Kontraste-Frank Rutzen Photography, Stadt Wolfenbüttel

Für Erinnerungen sind Traditionscafés der passende Ort. Zum Beispiel an meine Schulzeit erinnere ich mich. Ach sitzt dahinten im Café nicht eine ehemalige Schulkameradin? Wie heißt sie nur? Petra, Sabine oder Angelika … ich weiß es nicht mehr. Da kommt Sie auch schon auf mich zu: „Hallo Donata, wie geht’s?“ Puh, jetzt fällt mir der Name Gott sei Dank wieder ein “Hallo Inga“ und dann sitzen wir stundenlang im Café und erinnern uns an frühere Zeiten. Ich finde, das geht nirgends so gut wie in einem Traditionscafé.

Gemütlichkeit: Im Winter drinnen, im Sommer draußen

Ins Lessingcafé gehe ich am Liebsten in der Winterzeit oder wenn es regnet. Ich mag die Einrichtung und fühle mich wie in einer Großstadt, wenn vor den großen Fenstern im Minutentakt die Stadtbusse zum Kornmarkt vorbeifahren, das macht es hier drin noch gemütlicher.

Café am Stadtmarkt von außen mit Sitzgelegenheiten vor der Tür
Café am Stadtmarkt © Denver Künzer, Stadt Wolfenbüttel

Das Café am Stadtmarkt besuche ich gern im Sommer, wenn Tische und Stühle davor in der Sonne stehen, mein Blick über den wunderschönen Stadtmarkt auf das imposante Fachwerk-Rathaus fällt und ich eine meiner wenigen Zigaretten genieße (ja, ich weiß, dass das ungesund ist). Mittwochs und samstags, beim Wochenmarkt, habe ich es allerdings aufgegeben, noch einen freien Platz zu ergattern …

Die Zeit anhalten

Vielleicht habe ich euch Lust gemacht, mal das eine oder andere „richtige“ Traditionscafé aufzusuchen und euren Kaffee nicht so nebenbei und auf die Schnelle in einem Stehcafé oder in einem Pappbecher auf der Straße zu trinken. Ich jedenfalls genieße diese Zeiten und die entsprechende Entschleunigung. Ich freue mich schon auf Morgen und die nächste Tasse (natürlich aus Porzellan) Kaffee.

Hier findet ihr weitere Infos zu den beiden Cafés:

Café am Stadtmarkt

Lessingcafé

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