Christine Musch von Wollrausch.

»Wollrausch« – wollig warm

Christine Musch hat seit ein paar Monaten das Handarbeitsgeschäft »Wollrausch« am Kornmarkt in Wolfenbüttel übernommen. Damit ist Handarbeitsfreunden aus der Region eine kreative Anlaufstelle erhalten geblieben.

Beim Gang über den Kornmarkt ist mir das Woll-Schaf vor dem Haus mit der Nummer 8 schon öfter aufgefallen. Inzwischen hat es ein paar Jahre auf den Buckel, seine Schnauze ist ein bisschen grau geworden. Aber es hält die Stellung. Für kurze Zeit war es verschwunden, als der Handarbeitsladen »Wollrausch« für die Wiedereröffnung nach der Geschäftsübernahme von Christine Musch renoviert wurde.

Wenn gutes Wetter ist und Geschäftszeit begrüßt den Passanten auf dem Kornmarkt seit Jahren das Schaf vor Wollrausch.
Wenn gutes Wetter ist und Geschäftszeit begrüßt den Passanten auf dem Kornmarkt seit Jahren das Schaf vor Wollrausch. © Andreas Molau, Stadt Wolfenbüttel

Die damalige Besitzerin, Astrid Böhm-Schellenberg, hatte das Ladengeschäft aufgegeben. »Ich habe jetzt schon von ganz vielen Stammkunden gehört, die meinten, in der Stadt habe etwas gefehlt«, erzählt mir Christine Musch. Dann hat sie dem traditionsreichen Wollgeschäft zusammen mit ihrem Mann wieder Leben eingehaucht.

Der Plan zur Selbstständigkeit

»Er ist der Unternehmer, und ich bin das Gesicht und die treibende Kraft hinter diesem Projekt«, verrät die Geschäftsfrau. Die Idee, ein Woll- und Handarbeitsgeschäft aufzumachen, spukt schon lange im Kopf von Christine Musch herum. Dass sich dieser Wunsch nun realisieren ließ, lag an den äußeren Umständen der Geschäftsaufgabe und der besonderen familiären Situation.

Christine Musch zeigt eigene Strickproben in ihrem Laden.
Christine Musch zeigt eigene Strickproben in ihrem Laden. © Andreas Molau, Stadt Wolfenbüttel

»Meine Tochter ist jetzt erwachsen und für mich war damit klar, dass ich wieder etwas machen möchte, was über den familiären Rahmen hinausgeht«, erklärt sie die Situation. Dass sich dieses Tätigkeitsfeld im Bereich Stricken und Häkeln ansiedeln würde, zeigte sich nicht sofort in ihrer Biografie. Trotzdem hat sie dieses Thema gleichwohl immer begleitet.

Aus der DDR in den Westen

Die gebürtige »Randberlinerin« hat eine bewegte Vita. Randberlin lag zu dieser Zeit in der DDR. Die Nachkriegswirren sorgten in vielen Familien für ordentlich Wirbel.

In diesem Fall taugt die Geschichte für einen spannenden deutsch-deutschen Roman. Christine Muschs Großvater, erzählt die Geschäftsfrau, stammt aus der Berliner Gegend, hatte aber Ende der 50er Jahre bereits einen guten Arbeitsplatz im Westerwald gefunden. Auch hier habe ein Teil der Familie gelebt erzählt sie.

Wir sitzen an einem kleinen Tisch im vorderen Ladenbereich. Hier können sich normalerweise Strickerinnen und Stricker treffen, um ihr neues Garn anzustricken, sich auszutauschen oder um sich Tipps und Ratschläge zu holen.

Was kann ich aus einem Knäuel Wolle machen?
Was kann ich aus einem Knäuel Wolle machen? © Andreas Molau, Stadt Wolfenbüttel

Während eine Kundin gerade mit einer Freundin in den Laden kommt, um die aktuellen Strickmodelle anzuschauen, erzählt Christine Musch die Geschichte ihrer Familie.

Eine verhängnisvolle Entscheidung

Den Großvater zog es mit Frau und Kindern zurück in die alte Heimat. Die Grenze wurde geschlossen, die Mauer hochgezogen. Deshalb war die Familie auf Jahrzehnte voneinander getrennt.

»Meine Mutter war zwar erst neun Jahre alt. Aber der Wunsch, in den Westen zu kommen war in ihr immer lebendig«, erzählt Christine Musch. Mit viel Beharrlichkeit und Repressalien vonseiten der Staatsmacht setzte sie ihre Ausreise gegen alle Widerstände durch.

Für Christine Musch war ein Handarbeitsladen die Erfüllung eines lang gehegten Traums.
Für Christine Musch war ein Handarbeitsladen die Erfüllung eines lang gehegten Traums. © Andreas Molau, Stadt Wolfenbüttel

Christine Musch war damals fünf Jahre alt. »Ich habe als Kind gar nicht gemerkt, wie schwierig die Situation für meine Mutter war«, berichtet sie. Die fehlende Anerkennung des Berufes, Arbeitssuche – das alles sei für diese eine harte Zeit gewesen«, erzählt sie.

Die Liebe zum Stricken und Häkeln sei vielleicht auch deshalb entstanden. »Wir konnten uns nicht alles leisten. Da war Selbermachen eine gute Antwort«, meint sie rückblickend.

Neue Ziele

Schon damals versenkte sich Christine Musch in komplizierte Muster und häkelte Decken. Heute ist das Lace-Stricken ihr Steckenpferd. Nach alten viktorianischen Vorlagen werden von ihr in mühevoller Arbeit anspruchsvollste Muster zusammengefügt. »Wenn ich damals nicht weiterkam – etwa beim Strümpfe stricken – dann bin ich zur Bücherei gegangen«, erinnert sie sich.

Wollrausch: Feinste Garne in (fast) allen Farben.
Wollrausch: Feinste Garne in (fast) allen Farben. © Andreas Molau, Stadt Wolfenbüttel

Heute würden sich junge Kunden ausführlich im Internet informieren, bevor sie sich ihre ersten Ratschläge im Fachgeschäft holten. Der Lebensweg führte Christine Musch nicht direkt in ihren heutigen Arbeitsbereich. Zunächst lernte sie Floristin. Allerdings konnte sie den Beruf aufgrund von Unfallspätfolgen nicht weiterführen.

Unterschiedliche Lebensstationen

Christine Musch ist ein Typ, der nach Rückschlägen aufsteht und, der sich gern neuen Herausforderungen stellt. Nach dem Erwerb des Handels-Assistenten im Einzelhandel in einem Baumarkt leitete sie einige Zeit, in sehr jungen Jahren noch, bereits eine Gartenabteilung.

In dieser Zeit lernte sie ihren heutigen Mann kennen. Als ihr hier das schwere Anpacken schwerfiel, wechselte sie zu einem Telekommunikationsunternehmen. »Das war nun etwas ganz Anderes«, lächelt sie. Innerhalb des Betriebs orientierte sie sich bald in Richtung Produktion und beschäftigte sich mit Spritzgussmaschinen sowie Mechanikern, um die Endmontage neuer Produkte zu überwachen.

Dann wurde ihre Tochter geboren und sie fokussierte sich erst einmal auf die Familie.

Die Familie

»Damals war die Betreuungsmöglichkeit nicht so groß wie heute«, erklärt sie die Situation. Der Beruf ihres Mannes führte sie nach Braunschweig und schließlich für zwei Jahre nach Madrid. »Da musste ich notgedrungen Spanisch lernen. Denn mit Englisch komme ich auch in der Hauptstadt nicht weit«, meint sie. Aus Spanien brachte sie schließlich eine neue Leidenschaft mit: das Reiten.

Bei Wollrausch können Handarbeitsfreunde stöbern.
Bei Wollrausch können Handarbeitsfreunde stöbern. © Andreas Molau, Stadt Wolfenbüttel

Mit der Wiederkehr nach Braunschweig sollte sich nun auch bald das Kapitel »Wollrausch« aufschlagen. »Es wurde klar, dass der Laden geschlossen werden sollte. Und ich habe mit meinem Mann lange gerungen, diesen Traum zu realisieren«, meint sie. Eigentlich sei die Braunschweiger Filiale des Geschäftes naheliegend gewesen. »Aber als ich in Wolfenbüttel in den Laden kam wusste ich sofort: Das ist er«, erinnert sie sich.

Offene Türen in Wolfenbüttel

Bei der Stadt Wolfenbüttel habe Christine Musch offene Türen vorgefunden und auch die Nachbarn auf dem Kornmarkt hätten die Geschäftsfrau gut aufgenommen. »Ich fühle mich hier an diesem Standort richtig wohl«, freut sie sich. Aus dem alten Geschäft konnte sie die Mitarbeiterin, Frau Albrecht, gewinnen. »Wir harmonieren sehr gut, und ich profitiere von ihren Erfahrungen«, so Christine Musch.

Zur Geschäftsübernahme hat Christine Musch Wollrausch noch freundlicher und großzügiger gestaltet als früher.
Zur Geschäftsübernahme hat Christine Musch Wollrausch noch freundlicher und großzügiger gestaltet als früher. © Andreas Molau, Stadt Wolfenbüttel

Ihren Laden, den sie nach der Übernahme etwas umgestaltet hat, sieht sie als Ort der Inspiration. »Die Leute können die Garne hier auch fühlen und die Farben draußen bei Tageslicht begutachten«, so Musch. Ganz wichtig sei es ihr, rüberzubringen, was aus Wolle alles gemacht werden kann. Dazu gibt es nicht nur Ratschläge beim Kauf, sondern zudem Kurse für Anfänger und Fortgeschrittene.

Viele Gründe für die Handarbeit

Wie sich alles entwickeln wird, darauf ist nicht zuletzt die Geschäftsfrau selbst neugierig: »Welche Modelle werden angenommen, was ist Trend? Ich bin gespannt, was die Zukunft bringt.« Dass die Qualität dabei im Vordergrund steht, betont sie. Als Beispiel nimmt Christine Musch die Maulbeerseide, mit der sie ihre Lace-Strickereien fertigt. Solche Garne sind nicht an jeder Ecke zu bekommen und auch erst recht nicht günstiger im Internet. Die Hersteller wüssten, dass es dafür der Beratung im Fachgeschäft bedürfe.

Ein selbst gemachtes Geschenk wird heute wieder richtig gewürdigt, meint Christine Musch.
Ein selbst gemachtes Geschenk wird heute wieder richtig gewürdigt, meint Christine Musch. © Andreas Molau, Stadt Wolfenbüttel

Und auch sonst hat sie unzählige Farben und viele Materialien im Angebot, die der Kreativität freien Lauf lassen. »Ob nun Leute kommen, weil sie sich beim Handarbeiten einfach entspannen wollen, solche, für die das sogar ein Gesundheitsaspekt ist oder ob es sich um Menschen handelt, die ein besonderes Unikat herstellen wollen. Wir freuen uns auf alle Kunden«, so Musch.

Leidenschaft für die neue Aufgabe

Dass der Sommer für den Einstieg nicht gerade der ideale Zeitpunkt war, räumt sie ein: »Bis auf einige Hardcore-Stricker beschäftigen sich viele mit dem Hobby mehr in der dunklen Jahreszeit«, so Musch. Aber das hätten sie einkalkuliert. Und wenn Christine Musch von Garnen und Strickmustern schwärmt, dann habe ich den Eindruck, dass die Verwirklichung des Projektes Handarbeitsladen auch keinen Verzug geduldet hätte …

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