Almut und Marco Runge von der Buchhandlung Steuber.

Hinter »Steuber« stecken jetzt die Runges

An traditionsreicher Stelle haben Almut und Marco Runge vor guten drei Jahren die Buchhandlung Steuber von Marianne Fricke übernommen. Dabei haben die beiden auf Bewehrtes gesetzt und doch etwas ganz Neues aus dem Traditionsunternehmen gemacht.

Wenn ich von Wolfenbüttel eine Gerade nach Hannover ziehe, von dort aus nach Bad Pyrmont und wieder zurück in die Lessingstadt, ergibt das ungefähr ein gleichschenkliges Dreieck – die Städte sind etwa gleich weit voneinander entfernt. Und bei aller Unterschiedlichkeit, eines haben sie gemeinsam: Für Almut und Marco Runge sind sie Berufs- und Lebensstationen. Vor knapp drei Jahren haben die Runges die traditionsreiche Buchhandlung Steuber von Marianne Fricke übernommen und damit ihren Schritt in die Selbstständigkeit gewagt.

Die Außenansicht der Buchhandlung Steuber mit ihren ansprechend gestalteten Schaufenstern.
Hinter Steuber stecken jetzt die Runges. © Andreas Molau, Stadt Wolfenbüttel

Wir sitzen gemeinsam in dem kleinen Lager- und Bürobereich der Buchhandlung – dort wurde früher das Schulbuchgeschäft abgewickelt. Einige Wolfenbütteler erinnern sich noch daran, wie aus einem Seitenraum vom Treppenhaus »Am alten Tore« die Stapel mit Schulbüchern abgeholt wurden. »Das alles hat sich heute sehr stark verändert«, erzählt Almut Runge mit einem Becher Kaffee in der Hand. Und sie ergänzt: »Jetzt gibt es fast für jede Schule andere Arbeitsmaterialien. Und durch Geschäftsaufgaben von kleineren Anbietern im Schulbuchwesen, hat sich auch unser Einzugsgebiet enorm vergrößert. Heute sind die Lieferzeiten so kurz, dass keine Lagerung der Schulbücher mehr nötig ist.«

Vom Einzelhandel zu den Büchern

Und auch nicht mehr möglich. Seitdem Marianne Fricke ihr Geschäft aufgegeben und nach Hannover gezogen ist, hat sich allerhand in dem Haus verändert. »Oben unter dem Dach ist eine Wohnung entstanden und das alte Büro ist heruntergezogen. Diese Veränderungen waren sehr spannend für uns«, berichtet Almut Runge. So ein etabliertes Unternehmen ist einerseits eine Chance, so ihr Mann, aber gleichzeitig auch eine Bürde. »Das sind große Fußstapfen, die Frau Fricke hier im kaufmännischen und kulturellen Leben der Stadt hinterlassen hat. Da müssen wir erst reinwachsen«, beschreibt mir Herr Runge die Situation. Dass eine Buchhandlung in Wolfenbüttel für beide die Lebensaufgabe sein würde -noch dazu als Selbstständige – das hätten sie sich nicht träumen lassen, als sie in Hannover eine Lehre im Einzelhandel begonnen hatten. Marco Runge kommt aus der Landeshauptstadt und wollte ursprünglich mit Tieren arbeiten. »Ich habe schon als Schüler im Zoogeschäft gejobbt und mein Glück deshalb zunächst beim Zoo gesucht«, erinnert er sich.

Die Faszination des Lesens

Mit dem Tierpark wurde es jedoch nichts. Stattdessen begann der junge Mann eine Lehre als Einzelhändler in der Zooabteilung des Unternehmens Karstadt. Neben seiner Leidenschaft für Mysterythriller, wie etwa von Steven King, ist es immer noch die Literatur über Tiere, die Marco Runge fasziniert. Zum Beispiel Bücher von Vitus B. Dröscher, der sich schon früh mit Verhaltensforschung der Tierwelt beschäftigte oder von Heinz Sielmann, dem klassischen Tierfilmer. Bereits als 16-Jährige zog Almut Runge nach Hannover um. »Meine Eltern waren nicht begeistert, dass ich dort der Liebe wegen hinzog. Aber sie haben mir meine Freiheit gelassen«, lacht die heutige Mutter von zwei Kindern. Sie lernte ihren Mann Marco im Warenhaus kennen und schloss später mit ihm den Bund fürs Leben. Auch Almut Runge hatte zunächst nichts mit Büchern zu tun, sondern lernte erst das Verkaufsgeschäft von der Pike auf. Aber auch sie war von Anfang an gepackt von den Welten, die sich zwischen zwei Pappdeckeln eröffnen können. »Ich erinnere mich, wie meine Großeltern mir eine schwedische Urlaubslektüre schenkten – ein bisschen wie Astrid Lindgrens Ferien auf Saltkrokan. Für mich ist es nach wie vor schön, mich in diese Welten versetzen zu können«, schwärmt sie.

Die Menschen zum Lesen bringen

Diese anfängliche Begeisterung für das Medium Buch scheint die zweifache Mutter noch heute als selbstständige Buchhändlerin anzutreiben. Almut Runge engagiert sich bei der Stiftung Lesen, geht in Schulen und versucht die Kinder für das (immer noch) zeitgemäße Buch zu begeistern. Neulich erst mit einer Einhornparty für Jungen und Mädchen in ihrer Buchhandlung.

Ein Plüsch-Einhorn lässt es vermuten: Bei Steuber gibt’s sogar Einhornpartys.
Bei Steuber gibt’s sogar Einhornpartys. © Andreas Molau, Stadt Wolfenbüttel

»Mit dem Lesen sollten Kinder ganz früh beginnen. Schon das Vorlesen der Eltern ist wichtig. Das kann bis zur Pubertät hin eine Brücke sein, damit Jugendliche mit dieser Kulturtechnik auch später etwas anfangen können«, rät sie. Die Buchhandlung als Ort für junge Familien attraktiv zu machen, dieses Ziel haben sich die beiden Inhaber auf die Fahne geschrieben. Sowohl Marco als auch Almut Runge arbeiteten sofort nach Abschluss der Lehre mit Literatur. Marco Runge zunächst in die Buch-und Schreibwarenabteilung des großen Warenhauses, später in Buchhandlungen – wie seine Frau. Diese Erfahrungen haben für die Sortimentserweiterung in der klassischen Buchhandlung Steuber gesorgt.

Neue Perspektiven

Marco Runge erzählt mir, dass er sich mit allen Kieserblock- und Schulbedarfsformaten durch seine langjährige Berufserfahrung bestens auskennt. »Die Lehrer wissen oft selbst nicht, wie die genaue Bezeichnung der Produkte lautet, und da bietet sich eine fachkundige Beratung einfach an«, schmunzelt er. Auch die Erweiterung um das Sortiment »Schreibgeräte«, hauptsächlich der Firma LAMY, hat sich sehr gelohnt. »Bei uns können die Stifte ausprobiert werden. Das ist gerade bei Schreibanfängern sehr wichtig«, gibt Marco Runge zu bedenken. Auch Ersatzfedern seien in großer Zahl vorrätig, ergänzt er. Für die jungen Eltern kommt es schließlich darauf an, dass mit nur einem Einkauf zum Anfang des Schuljahres alle benötigten Sachen dabei ist. »Und Jungen oder Mädchen, die ihre Schulbücher bekommen, finden in unserer Buchhandlung auch die ersten Geschichten für ihren eigenen Lesebedarf «, ergänzt Almut Runge. Sie hat sich nach der Lehre auf den Bereich Kinder- und Jugendliteratur spezialisiert und freut sich über die vielen Neuerungen der Verlage. »Die Verlage arbeiten multimedial  und verbinden den Vorteil des Buches mit technischen Anwendungen«, klärt sie mich fröhlich auf. Um den spielerischen Einstiegscharakter zum Lesen zu fördern, gibt es auch im Geschenkbereich einiges bei Steuber zu finden.

Der Reiz der Provinz

Den Charakter kleiner Städte haben die beiden in Bad Pyrmont zu schätzen gelernt – die zweite große Berufsstation der inzwischen jungen Familie. Denn in Hannover wurde ihr erster Sohn geboren. In der Kurstadt fanden die beiden eine Arbeitssituation, die es ihnen ermöglichte, genügend Zeit mit ihrem Nachwuchs zu verbringen. Dort kam ihr zweites Kind zur Welt und damit auch die Frage, wie es weitergehen würde. »Wir wollten uns verändern und auch beruflich zukünftig Verantwortung übernehmen«, erinnert sich Almut Runge. Der Weg in die Selbstständigkeit bedeutet auf der einen Seite mehr Arbeit. Aber auf der anderen Seite bietet sich die Chance, sich selbst zu verwirklichen. Der Zufall ließ die Suchenden von dem Angebot eines Beraters erfahren, der die Buchhandlung Steuber in Wolfenbüttel an den Mann oder an die Frau bringen wollte. »Wir hatten ehrlich gesagt noch gar nicht so viel von Wolfenbüttel gehört und waren deshalb richtig neugierig, als wir das erste Mal mit den Kindern hierherfuhren«, erwähnt Almut Runge. Die Stadt habe sich dabei aber von ihrer besten Seite gezeigt. Der Weihnachtsmarkt mit einem Nikolaus der Schokolade verteilt: »Unsere Kinder waren sofort begeistert.«

Ein ›rosa‹ Elefant steht im Geschäft.
»Und dann und wann ein ›rosa‹ Elefant…« © Andreas Molau, Stadt Wolfenbüttel

Kontinuität und Fortschritt

Das Gespräch mit Frau Fricke hatte sofort eine gute Basis, rufen sich die beiden ins Gedächtnis. »Wir haben das Abenteuer gewagt und sind alle Formalien angegangen«, so Marco Runge. Er mietete sich zunächst ein kleines Appartement, während die Familie nach geeignetem Wohnraum suchte. »Die erste Zeit war ziemlich aufwendig, wir kamen kaum zum Nachdenken«, gibt Almut Runge zu. Schließlich ist es das erste eigene Schulbuchgeschäft für die engagierte Familie Runge. Almut pendelte zu Beginn mit den Kindern, denn schließlich mussten beide Partner erst in alle Abläufe hereinwachsen. Dass sich die Runges auf ein tolles Team stützen konnten, war eine große Hilfe. Einzelne Mitarbeiter arbeiten bereits über 30 Jahre im Unternehmen. »Wir haben ganz unterschiedliche Mitarbeiter, die unser breites Spektrum im Angebot widerspiegeln«, schildert mir Almut Runge. Für die Buchhändler sei es ganz wichtig, offen auf die Kunden zuzugehen. »Natürlich haben wir alle unsere Lesevorlieben geben den Kunden gerne Empfehlungen. Aber als Dienstleister müssen wir vor allem feinsinnig sein und uns auf die Vorlieben der Kunden einlassen«, erklärt Marco Runge. So versuchen die beiden, eine gute Mischung aus Bestsellern und interessanten Veröffentlichungen zu finden, die abseits des Weges liegen. »Wenn wir die Liste mit Neuerscheinungen bekommen, wissen unsere langjährigen Mitarbeiter: Das ist etwas für unseren Kunden oder nicht. Und dann nehmen wir das entsprechend in unser Sortiment rein«, begründet Almut Runge.

Almut Runde steht hinter der Kasse im Geschäft.
Almut Runge liebt das Lesen. © Andreas Molau, Stadt Wolfenbüttel

Die Zukunft

Inzwischen ist Familie Runge in Wolfenbüttel angekommen. Dass nicht nur die Stadt reizvoll ist, sondern auch das Umland, das konnten sie bei der Suche nach ihrem neuen Zuhause feststellen. In Richtung Harz, hinter Schladen hat die Familie ihren Ort der Ruhe gefunden. »Wir wohnen nah am Feld. Das ist für uns alle ein Paradies«, schwärmt Almut Runge. Und ihr Ehemann freut sich, dass er als Ausgleich zum stressigen Alltag im Garten wirtschaften kann. Dass die Selbstständigkeit eine Herausforderung ist, ist den beiden klar. Aber gleichzeitig brennen die Buchhändler für ihre Tätigkeit, sodass am Ende die Zuversicht überwiegt. Da ist die Frage: Wie geht es mit Wolfenbüttel und der Innenstadt weiter? Die Buchhändler sind überzeugt davon, dass ein kundenorientiertes Fachgeschäft wie ihre Buchhandlung sowohl neue Kunden als auch Stammkunden in die Fußgängerzone locken. Und da ist der Kampf gegen Amazon und die Digitalisierung. »Ich glaube, das Buch hat als Erlebniswelt eine Zukunft. Es bewegt die Sinne des Menschen und bisher ist das Rascheln von Papier und das Gefühl ein Buch in der Hand zu halten nicht zu ersetzen«, glaubt Marco Runge. Und seine Frau ergänzt: »Wir kennen unsere Kunden sehr genau und sprechen mit ihnen. Das wird kein Algorithmus leisten können. Deshalb wird es unsere Aufgabe als Buchhändler sein, den Leuten zu sagen: Wir bieten den gleichen Komfort wie der Internetriese. Allerdings findet hier die Begegnung von Mensch zu Mensch statt.«

Weitere Informationen zur Buchhandlung Steuber

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