Ariane Kraftschik von der Polsterei Kraftschik.

Bei »Kraftschik« wird nicht nur gepolstert …

Kraftschik ist eine traditionsreiche Firma in Wolfenbüttel, bei der es neben der Handwerkskunst auch individuelle Möbelstücke und Dekoration zu kaufen gibt. Angefangen hat damals alles mit Raumausstattung und einer Polsterei. Ich bin mit der dynamischen Inhaberin Ariane Kraftschik verabredet, um mehr über sie und ihr Geschäft zu erfahren.

Der orange Transporter fällt auf jeden Fall auf.
Das Orange fällt auf jeden Fall auf… © Andreas Molau, Stadt Wolfenbüttel

Direkt an der großen Kreuzung am kalten Tal in Wolfenbüttel hat Kraftschik seinen Sitz. Ich kann mich erinnern, dass früher Möbel hinter den Schaufenstern standen, in der sich jetzt eine Fahrschule befindet. Direkt dahinter liegt Kraftschik. Stadtauswärts kommend, biege ich hinter der Fahrschule rechts ab auf die Goslarsche und von dort gleich wieder scharf rechts auf einen kleinen Hof. Der Polsterer, bei dem es auch »Recycling«-Möbel gibt, erkenne ich sofort an seinem Retro-Orange. Zu der Polsterei gehört ein älterer Transporter in der knalligen Farbe Orange. Wenn der auffällige Transporter mit der augenzwinkernden Seitenaufschrift »Wir polstern Ihre Alte auf« durch die Wolfenbütteler Straßen fährt, bleibt er selten unbemerkt.

Die Verwandlung von Polstermöbeln

Hier werden also Polster oder Sitzmöbel frisch gemacht. Früher wurden die Möbel in einem Haushalt einfach ungefragt vererbt und weiterbenutzt. Dann gab es Zeiten, da wurden Möbel bewusst zum anschließenden Wegwerfen gekauft. Und nun gibt es seit einigen Jahren ein Bewusstsein für das Thema »Nachhaltigkeit«. Diese Entwicklung ist für den Betrieb Kraftschik perfekt. Zwar hat der Aufarbeitungszweig noch nicht Hochkonjunktur, aber er entwickelt sich langsam. Das erzählt mir Ariane Kraftschik, die hinter der Werkstatt draußen auf einer Bank sitzt und die Strahlen der Abendsonne genießt. Wir gehen in ihren kleinen Verkaufsraum, der von lauter schönen Einzelstücken bevölkert ist. Sofort sehe ich gleich zwei Sessel, die original so bei meiner Oma standen: Breite Sitzfläche, gelber Stoff und die Armlehnen mit Holz gefasst. Darauf spielte ich als Kind gern mit kleinen Autos und musste nur sehen, dass die Großmutter das nicht mitbekam.

Der Weg in den Betrieb

Wir setzen uns in die Sessel. Zwischen uns steht ein kleiner, runder Tisch mit einem alten Gläser-Service. Ariane Kraftschik, die den Betrieb ihres Vaters vor einigen Jahren übernommen hat, ist eine blonde Frau mit lebendigen Augen. Sie hat eine lebhafte und positive Ausstrahlung. Allerdings ist der Grund für ihre Geschäftsübernahme nicht erfreulich, denn 2011 starb ihr Vater plötzlich und viel zu früh. Die Familie Kraftschik kommt aus Oberschlesien, erzählt Ariane Kraftschik, und wurde nach dem Zweiten Weltkrieg nach Wolfenbüttel vertrieben. »Mein Vater wurde nur in Kattowitz geboren. Wenig später musste sich meine Oma schon auf die Reise machen«, erzählt sie mir. Der Vater wuchs in der Lessingstadt auf und lernte bei der Firma Balzer den Beruf des Raumausstatters. Mit 21 Jahren machte er sich selbstständig. An der Wand hängt ein altes Bild vom früheren Betrieb in der Halchterschen Straße. Daneben ein Bild des Firmengründers: Sonnenbrille, lässige Haltung – gar nicht so, wie ich mir einen »ehrbaren« Handwerker vorstelle. »Mein Vater war echt ein verrückter und lustiger Typ«, erinnert sich Ariane Kraftschik.

Auf einem Bild ist der Firmengründer ist noch präsent.
Der Firmengründer ist noch präsent. © Andreas Molau, Stadt Wolfenbüttel

Die Familientradition weiterführen

Für sie war der Betrieb des Vaters nie ein Thema gewesen. Erst ging sie zur Wilhelm-Raabe-Schule und konzentrierte sich dann auf andere Sachen. Nach dem Hauptschulabschluss wollte sie es aber noch mal wissen. Sie hängte sich rein und machte ihr Fachabitur. Anschließend studierte sie »Soziale Arbeit«. Damals war der Studiengang noch in Braunschweig angesiedelt. »Meine Eltern haben mir immer alle Freiheiten gelassen und mich zu nichts gedrängt. Ich glaube sogar, mein Vater hätte nie damit gerechnet, dass ich den Betrieb mal übernehmen würde«, gesteht sie mir. Aber nach dem plötzlichen Tod fing die junge Frau an zu überlegen. Auf der einen Seite hatte Ariane Kraftschik einen guten Job. Auf der anderen Seite fühlte sie sich dem Erbe des Vaters verpflichtet. Außerdem hat sie immer schon eine Schwäche für Dekoration und Nähen. Vor dem Studium machte sie sogar ein Praktikum als Raumausstatterin. »Mich interessieren Farben. Ich nähe gern. Und mir gefiel einfach der Retro-Stil«, sagt sie. Als sie ihr Erbe ausgehändigt bekam, haben viele Kunden noch schnell ihre Polster gebracht. »Sie hatten gedacht, bald schließt alles und wollten ihre Sachen noch in Ordnung bringen lassen«, erklärt sie mir.

Ein Versuch für die Zukunft

Die Überlegung, das Geschäft zu übernehmen und es zu versuchen, entstand ohne Planung und Vorsatz. »Ich habe gesehen, dass mein Vater tolle Mitarbeiter hat. Dass da eine Idee war, die auch für die Zukunft taugen könnte«, verdeutlicht sie mir. In über 50 Jahren Polsterei hat sich das Gesicht des Betriebs immer wieder gewandelt. Ihr Vater hatte anfänglich Teppiche verlegt, Wandbespannungen gemacht, Gardinen angeboten und auch Möbel verkauft. In den 80er Jahren haben die Kunden dann mehr und mehr Massenware gekauft. Besonders stark in den 90er Jahren. »Da war es mit der Wertarbeit vorbei. Die Verkaufsflächen wurden verkleinert und wir haben uns nur auf das Polstern beschränkt«, erklärt sie. Aber, allen Veränderungen zum Trotz, blieb der Betrieb bestehen. Und auch nach dem Tod ihrer Eltern. Gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten, sah Ariane Kraftschik, dass es neben dem Aufarbeiten der Polster einen neuen Markt für ihr Geschäft geben könnte.

Vintage ist in Mode

»Im Zeitalter der Gleichberechtigung polstern wir natürlich auch Ihren „Alten“ auf«, meint Ariane Kraftschik lächelnd. Und weil Vintage in Mode ist, kam sie auf die Idee, schöne Einzelstücke zu restaurieren und wieder zu verkaufen. Zwischen dem Eingangsbereich und ihrem Büro ist inzwischen ein kleiner Verkaufsraum entstanden, in dem große und kleine Kostbarkeiten stehen. Alte Sessel, aufgearbeitete Markensofas, kleine Vasen oder Geschirr. Und weil das Lager in den letzten Jahren größer geworden ist als der Verkaufsraum, gibt es ab diesem Sommer regelmäßig Hofflohmärkte – zünftig mit Bratwurst, Getränken und einem breiten Angebot an neuen (alten) Möbeln. Diese Idee ist langsam entstanden. Ariane Kraftschik berichtet mir, dass sie sich bereits ihr Studium auf Flohmärkten verdient hat. » Wenn ich etwas rumstehen habe, gebe ich es Ariane. Die verkauft es«, zitiert sie lachend ihre Freunde. So finden bis heute immer wieder alte Möbelstücke den Weg zur Polsterei in die Goslarsche Straße. Sie kommen dann in den Operationsraum, wie ihr Vater das Herzstück der Werkstatt genannt hat und werden dort zuerst von der Bürde des Alters befreit. Neue Bezüge, ein neues Innenleben und viele fachkundige Arbeitsgänge lassen aus einem altersschwachen Teil ein neues individuelles Möbelstück entstehen. »Ich habe mit meinem Freund neulich Vintage-Möbel bei einem großen schwedischen Möbelhersteller getestet. Beim Probesitzen wusste ich aber gleich, woher der Preis kommt«, schmunzelt sie.

Handarbeit hat ihren Preis

Natürlich hat Handarbeit immer ihren Preis. Aber auch bei Kraftschick gibt es Möbel für den größeren und kleineren Geldbeutel. »Unsere Kunden werden von meinem Team in allen Fragen gut beraten«, verspricht sie. Was zukünftig alles noch kommen wird, weiß sie nicht. Aber es steht fest, dass ihr diese kreative Phase in ihrem Leben richtig guttut. Ebenso wie ihre Liebe zu ihrer Heimatstadt Wolfenbüttel. »Ich bin hier geboren und kann mir gar nicht vorstellen woanders zu leben«, schwärmt sie. Damit hat sie inzwischen auch ihren Lebensgefährten angesteckt, der als Künstler zwischen Berlin und Wolfenbüttel pendelt und nun ebenfalls auf die Lessingstadt setzt. »Hier ist es gemütlich. Jeder kennt sich. Und trotzdem ist die Stadt lebendig«, lobt Ariane Kraftschik. Für die Zukunft hat sie viele Pläne. In ihrem Büro hängt eine Collage, in der alle möglichen Ideen festgehalten sind. Und sie hat in den fast sieben Jahren Arbeit mit ihrer kleinen Mannschaft schon eine Spur hinterlassen. Gerade kümmert sie sich um beruflichen Nachwuchs. Sie ist im Gespräch mit einem jungen, afghanischen Flüchtling, der in seiner Heimat viel genäht hat. »Wenn es ihm gefällt und wir ihn anlernen können, dann hat er bei uns Arbeit für die nächsten 30 Jahre«, freut sie sich. So oder so: Es bleibt spannend auf der Bahnhofstraße bei der Polsterei Kraftschik.

An der Bürowand hängt eine Collage mit Ideen für die Zukunft,
Wie wird die Zukunft aussehen? © Andreas Molau, Stadt Wolfenbüttel

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