Innenhof des Landesarchivs

Das Landesarchiv: Schriftstücke, Sammlungen und Schätze

Heute habe ich* das Vergnügen euch mit auf eine Führung durch das Landesarchiv in Wolfenbüttel zu nehmen. Wer sich jetzt fragt, was man dort sehen kann und warum ausgerechnet Wolfenbüttel ein Standort für das Archiv geworden ist, sollte unbedingt weiter lesen.

Eingang Landesarchiv
Haupteingang des Landesarchivs ©Meike Buck

Das Landesarchiv am Stadtrand Wolfenbüttels

Am Rand des Lechlumer Holzes, an der Verbindungsstraße zwischen den Straßen Alter Weg und Neuer Weg, befindet sich das Landesarchiv in Wolfenbüttel. Schon von außen hebt sich dieses Gebäude von den Häusern ab, die ich aus Wolfenbüttel kenne. Es handelt sich hierbei um einen denkmalgeschützten Bau aus dem Jahr 1955. Somit wird nicht nur sein Inhalt, sondern auch das Gebäude selbst für die Nachwelt erhalten. Bis zum Einzug in diesen Neubau befand sich das Archiv in der heutigen Kanzleistraße bei der Archäologie. Über dem Haupteingang steht noch immer der Schriftzug „Niedersächsisches Staatsarchiv“. Bis ins Jahr 2013 war es das auch, aber aufgrund von Umstrukturierungen ist der heutige Name „Landesarchiv des Landes Niedersachsen“. Der Aufbau des Gebäudes ist, im Gedenken an das Bewahren von Schriftgut, an mittelalterliche Klosterbauten angelehnt. Das fällt besonders im hellen Innenhof auf.

Innenhof des Landesarchivs ©Cato Bohlens

Beeindruckende Zahlen

Direkt zu Beginn der Führung erhalte ich einen Überblick über die Eckdaten des Archivs. Die Räume in denen das Archivgut in Regalen aufgereiht ist, heißen Magazine. Dabei hat mich eine Zahl so beeindruckt, dass ich sie mir direkt gemerkt habe. Alle Magazine aneinander gereiht hätten eine Länge von 18 Kilometern. Und damit ist noch lange nicht Schluss, denn das Archiv sammelt immer noch weiter. Und zwar so viel, dass jedes Jahr etwa 100 Meter dazu kommen. Bisher befinden sich in den Magazinen circa 26.500 Urkunden und 60.000 Karten und Pläne sowie Zeitungen und Sammlungen.

Dabei wird zwischen staatlichen Dokumenten und „Diposita“ unterschieden. Letztere werden dem Archiv zur Aufbewahrung beziehungsweise Erschließung übergeben und stammen aus Gutsarchiven, Adelsarchiven oder Firmenarchiven. Private Nachlässe nimmt das Archiv nicht mehr auf, da die Kapazität sehr begrenzt ist. Deshalb bezeichnen sich die Archivare auch scherzhaft als „Große Wegschmeißer“, da sie genau beurteilen müssen, welche Dokumente gegebenenfalls in der Zukunft wichtig für jemanden sein könnten. Der ganze Rest wird dann zur ordnungsgemäßen Entsorgung freigegeben.  Wenn zum Beispiel Akten im Amtsgericht die Aushebungszeit erreicht haben, werden im Schnitt nur 1% der Dokumente „gerettet“. Bei der Prüfung  ob die Unterlagen erhalten werden sollen, gehen die Archivare deshalb alle erdenklichen Interessensgründe durch, die jemand für ein Dokument haben könnte.  

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Ein ganz besonderer Schatz im Landesarchiv Wolfenbüttel ist die Heiratsurkunde der Kaiserin Theophanu.

Ein digitales Archiv

Im Digital-Zeitalter kommen nun auch die ersten Digital-Akten in ein Alter bei dem sie archiviert werden. Ob dies eine Lösung für die räumliche Begrenzung darstellt, oder ob in Zukunft an den Plätzen der Magazine Serverschränke zur Datensicherung stehen, wird die Zeit zeigen. Die Magazine und Originalarchivalien werden allerdings bleiben, denn alles, was einmal ins Archiv übernommen wurde, soll auch dauerhaft im Original erhalten bleiben. Die Server werden nicht in Wolfenbüttel stehen, sondern sind Teil des „Digitalen Archivs“ innerhalb des Landesarchivs. In jedem Fall werden die Originale, die bis dahin gesammelt wurden, auch noch ihren Platz haben und brauchen.

Rollregale im Magazin
Rollregale im Magazin ©Cato Bohlens

Bereits im Jahr 1880 gab es erste Stimmen in der Kanzleistraße, die sich nach einem Neubau sehnten, da der Platz einfach zu begrenzt war. Doch durch die beiden Weltkriege kam dieses Unterfangen zum Erliegen, was wiederum für den heutigen Standort des Archivs von maßgebender Bedeutung war. Denn besonders im zweiten Weltkrieg wurden bei Bombenangriffen viele Dokumente und Deposita in Hannover zerstört. Deshalb beschloss man nach dem Krieg, die Archivstandorte möglichst außerhalb der Großstädte zu platzieren, was aber nicht für alle Archivstandorte gilt. In Wolfenbüttel war das alte Archiv in der Kanzleistraße zu klein geworden, weshalb ein Neubau erforderlich wurde. Bei der Wahl des neuen Standorts spielte der genannte Grund tatsächlich eine Rolle. Am Stadtrand sollten sie vor Bombenangriffen geschützt sein, um ihren Inhalt für die Nachwelt bewahren zu können. Denselben Zweck erfüllen die sogenannten Fluchtkisten.

Fluchtkisten zu Regalen gestapelt
Die Fluchtkisten sollen im Brandfall wichtige Dokumente schützen. ©Cato Bohlens

Im Falle eines Brandes hätte man diese aus dem Fenster geworfen, um ihren wertvollen Inhalt vor der Zerstörung zu bewahren. Heute versucht man diese Gefahr durch Brandprävention zu eliminieren. Dennoch sind diese Kisten aus dem „Kalten Krieg“ geblieben. Ebenso wie die Pflicht, ganz besondere Dokumente auf Mikrofilm zu speichern, welche dann unter Tage bei Bückeburg eingelagert werden.

Speicher der anderen Art

Bei dem Wort Speicher denken bestimmt einige von euch an Festplatten oder Lagerräumlichkeiten für Waren und Güter. Aber tatsächlich heißen auch die Gebäudeteile im Archiv „Speicher“, in denen sich die Magazine befinden. Ursprünglich waren drei Stück von diesen geplant. Erbaut wurden jedoch nur zwei. Diese Information ist wichtig, wenn ihr euch das Modell anschaut und euch dann draußen wundert, dass dort irgendetwas fehlt. Das hat seine Richtigkeit. Statt des dritten Speichers wurde vor kurzem eine vertikale Erweiterung auf den Verbindungsflügel zwischen den Speichern gebaut. Somit ist das Modell auch an dieser Stelle nicht mehr ganz aktuell. Schön anzusehen finde ich es aber auf jeden Fall trotzdem. Später fällt mir auf, dass das Hausmeisterhaus links vom Archiv ebenfalls ein bisschen anders als im Modell aussieht.

Modell des Landesarchivs
Modell des Landesarchivs ©Cato Bohlens

Grundstücks- und Blutslinien

Wo es Streit gab, da gibt es auch Urkunden. Dieses Motto wird für diejenigen hilfreich sein, die auf der Suche nach ihren Grundstücksgrenzen sind. Auch schon früher haben Nachbarn gestritten und teilweise gingen diese Fälle auch schon vor 400 Jahren vor Gericht. Wer also die Geschichte seines Hauses in Wolfenbüttel oder dem ehemaligen Herzogtum Braunschweig näher kennenlernen möchte, sollte mal im Archiv nachschauen ob es dazu noch Unterlagen gibt. Auch für die Suche nach Verwandten und der eigenen Abstammung kann euch das Archiv weiterhelfen. Hier sind nämlich auch etliche Stammbäume und Kirchenbücher aufbewahrt, die schon die eine oder andere Lücke in der Herkunftslinie füllen konnten.

Truhen und Stammbäume an den Wänden
Ehemalige Staatskassen und Stammbäume an den Wänden ©Cato Bohlens

Fotografieren dürft ihr im Archiv, so lange kein Datenschutz oder Sperrfristen auf dem jeweiligen Dokument liegt. Personenbezogene Sperrfristen enden meistens 100 Jahre nach deren Geburt oder 10 Jahre nach dem Tod. Wenn jedoch Kinder in den Dokumenten involviert sind, werden diese in der Berechnung mitberücksichtigt. Wenn ihr möchtet, könnt ihr für Fotos aber auch die Fotowerkstatt beauftragen. Dabei könnt ihr euch dann entscheiden, ob ihr eine Kopie auf Papier oder digital als PDF oder JPEG bekommen wollt.

Ausgeliehen wird beim Archiv leider nichts, da es sich bei jedem Stück um Originale handelt und diese nicht ersetzbar sind. Seid auch nicht enttäuscht, wenn der Inhalt oder die Navigation in den Dokumenten nicht so schön wie in einem Taschenbuch zuhause ist. Die Dokumente wurden nicht für die Öffentlichkeit gemacht, sondern sie bilden das Handeln von Behörden ab. Und dennoch gibt es sogar international Interessierte die extra nach Wolfenbüttel für ihre Recherchen kommen.

Lesesaal im Landesarchiv
Der Lesesaal im Landesarchiv ©Cato Bohlens

Eine Recherche im Landesarchiv beginnen

Wer sich anmeldet bekommt einen Kollegen aus dem Archiv zugewiesen. Dem Grund für eine Anfrage ist keine Grenze gesetzt: von Doktorarbeit bis Schülerreferate ist alles möglich. Unterschieden wird lediglich darin, ob der Nutzungsgrund der Öffentlichkeit dient. Wenn dem so ist, dann ist die Nutzung völlig kostenlos. Wer das Wissen also für ein Referat oder ein Buch, oder eine wissenschaftliche Arbeit aufbereitet, um es mit anderen zu teilen, muss das eigene Recherchieren nicht bezahlen. Für rein private Interessen gibt es eine Benutzungsgebühr von 10 Euro pro Tag oder 30 Euro für 5 Besuche im Lesesaal. Das sind meistens Erbfälle bei denen einige Generationen zurück geschaut wird. Im Lesesaal sind übrigens keine Kugelschreiber erlaubt. Ich bin froh, dass ich auch einen Bleistift dabei habe. Diese Regel dient der Prävention von irreparablen Schäden, die auch aus versehen an den Originalen durch auslaufende Tinte oder beim Zeigen mit der Spitze entstehen können.

Für mich ist das Archiv wirklich ein Ort der Begegnung zwischen Vergangenheit und Zukunft. Mein Lieblingszitat von Frau Dr. Wagner-Fimpel ist: „Wir haben hier Stücke, die enthalten Antworten auf Fragen die noch niemand gestellt hat“.

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Im Video bekommt ihr noch mehr Einblicke in das Landesarchiv in Wolfenbüttel.

Wenn ihr jetzt auch Lust bekommen habt eine Gruppenführung durch das Archiv mitzumachen, schaut doch noch mal auf deren Internetseite vorbei wann die nächsten Termine frei sind.

*Wer ist eigentlich „ich“?
Der Beitrag wurde von Cato im Rahmen seines dreimonatigen Praktikums in der Tourismusabteilung der Stadt Wolfenbüttel verfasst.

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