Hochzeit

Drei Hochzeiten & ein Liebesfall

Liebes-Hochzeiten am Hof? Selten! Doch! Der Herzog, größter royaler Arrangeur, erlag ihr tatsächlich, weiß Dr. Sandra Donner.  Die anderen? Waren meist schon vor dem Tod und Grufteingang geschiedene Leute.

Ein Meister der Heiratspolitik für seine Sprößlinge war Herzog Anton Ulrich (1633–1714), einer der schillerndsten und bedeutendsten Herrscher des Welfenhauses im Herzogtum Braunschweig-Lüneburg.

Zwei Söhne, eine Braut und keine Heirat
Sein ältester Sohn August Friedrich (1657–1676) wurde mit der Tochter des Lüneburger Herzogs Georg Wilhelm, der damals neunjährigen Sophie Dorothea (1666–1726), verlobt. Diese Ehe sollte die Erbansprüche auf Lüneburg und die Vereinigung der Fürstentümer sichern. Der frühe Tod August Friedrichs verhinderte das. Also übertrug er die Heiratspläne auf seinen zweiten Sohn, August Wilhelm (1662–1731), doch es scheiterte erneut. Hannover griff ein: Die Prinzessin aus Celle heiratete 1682 Georg Ludwig, den ältesten Sohn des Hannoveraner Welfenherzogs Ernst August (und späteren englischen König Georg I.). Die Ehe verlief mehr als unglücklich: Ehebruch, Intrigen und schließlich sogar die Scheidung machten gerade diese Verbindung zu einem der tragischsten Beispiele von Heiratspolitik.

Welfen und Habsburger: die Spanische Hochzeit
Die »Spanische Ehe« seiner Enkelin Elisabeth Christine (1691–1750) mit dem Habsburger Karl III. (1685–1740), Anwärter auf den spanischen Königsthron, wurde vom Herzog über Jahre vorbereitet. Im Jahr 1704 hatte er Kontakte nach Wien geknüpft und ließ sich zeitgleich in einem theologischen Gutachten bestätigen, dass es keine fundamentalen Unterschiede zwischen den christlichen Religionen gäbe, die das Seelenheil verhinderten. Damit wollte er jeglicher Kritik an der geplanten Ehe, die den Übertritt Elisabeth Christines zum Katholizismus voraussetzte, zuvorkommen. Die Braut gehorchte und konvertierte 1707 in Bamberg. 1708 erreichte sie Barcelona, wo ihr Bräutigam als Gegenkönig seine Ansprüche auf den spanischen Thron im Spanischen Erbfolgekrieg verteidigte und 1711 als Karl VI. in Frankfurt zum deutsch-römischen Kaiser gekrönt wurde.

Museum im Schloss Wolfenbüttel
Das Museum im Schloss Wolfenbüttel

Welfen und Zaren: die Russische Hochzeit
Der russische Zarenhof war das nächste Ziel Anton Ulrichs. Dazu wurde seine Enkelin Charlotte Christiane Sophie (1694–1715) mit dem Zarewitsch Alexej (1690–1718), dem Sohn Zar Peters I. (1672–1725) verheiratet. Dieses Kalkül fand keineswegs nur Zustimmung. So verkündete der Superintendent Georg Nitsch in Braunschweig: »Eine Prinzessin haben wir dem Papstthum, die andere dem Heidenthum  übergeben – wenn morgen der Teufel kommt, werden wir die dritte Prinzessin ihm geben«. Die »Russische Hochzeit« wurde 1711 in Torgau geschlossen, die Ehe verlief sehr unglücklich. Die Prinzessin kehrte schon nach wenigen Monaten vorübergehend zurück, beugte sich dann der Staatsräson und ging schließlich nach Russland. Sie gebar zwei Kinder, Natalie und Thronfolger Peter, der als Peter II. den Zarenthron bestieg, starb aber bereits 1715 im Kindbett.

Endlich – eine Liebesheirat!
Dank der barocken Heiratspolitik des Hochadels, Dynastien zu erhalten, erwartete man also in der Ehe keine Erfüllung oder Liebe. Seltene Ausnahme ist interessanterweise Herzog Anton Ulrich selbst. Er wurde in jungen Jahren mit Elisabeth Juliane von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Norburg verheiratet. Eine Ehe, aus der eine Liebesverbindung wurde! Schon vorher gestand Anton Ulrich seinem Vater seine »Affektion« für Elisabeth Juliane. Im August 1656 folgte die Hochzeit. 13 Kinder wurden dem Paar geschenkt, allerdings starben sechs Kinder noch vor dem ersten Geburtstag. Beide verband eine große Liebe und eine für die Zeit außergewöhnliche Beziehung, die fast fünf Jahrzehnte überdauerte.
1714 wurde Herzog Anton Ulrich nach seinem Tod an der Seite seiner Gemahlin in einem einzigartigen Doppelsarg in der Gruft der Wolfenbütteler Hauptkirche Beatae Mariae Virginis (BMV) beerdigt.
Gehen wir also einmal dorthin.

Es ist genug! Es sei also gestorben!
Ihr Bau, als eine der ersten protestantischen Großkirchen Norddeutschlands, begann 1608. Sie sollte sowohl ein Symbol des Glaubens als auch ein Ort fürstlicher Repräsentation und herrschaftliche Grablege des Fürstenhauses Braunschweig-Wolfenbüttel sein. Diese Einheit zeigt sich nicht nur baulich, sondern auch in ihrem reichen Bildschmuck, mit Hinweisen auf Tod, Unsterblichkeit und Auferstehung (dargestellt durch trauernde Engeln mit verlöschten Fackeln, Engeln mit Totenkopf und Sanduhr sowie Darstellungen der Vögel Phönix, Adler und Pelikan).
Im Jahr 1613 fand die erste Bestattung im »Neuen Fürstlichen Begräbnisgewölbe« statt: Herzog Heinrich Julius wurde beigesetzt. In 154 Jahren folgten 26 Welfen; letztmalig im Jahr 1767. Fortan wurden sie wieder im Braunschweiger Dom St. Blasii bestattet.
In der Fürstengruft befinden sich insgesamt 29 Särge, darunter zwei Sandsteinsarkophage, drei Holz- und 24 Metallsärge. Alle Särge sind, bis auf den des Herzogpaares, Einzelsärge.

Welfengruft
Die sanierte Welfengruft in der Hauptkirche

Repräsentativer Aufwand im Diesseits
Die Gestaltung der Sarkophage wurde im 17. und 18. Jahrhundert immer aufwendiger: Reiches Dekor, Inschriften, Wappen, Huldigungsverse, biographische Hinweise und Bibelzitate in deutscher und lateinischer Sprache zieren alle Särge. Die Anfertigung der repräsentativen Metallsärge und Steinsarkophage nahm einige Monate in Anspruch, nur in wenigen Fällen waren die Särge schon vor dem Tod in Auftrag gegeben oder gar fertiggestellt. So wurde der Leichnam zunächst in einen schlichten Holzsarg gebettet, der zur öffentlichen Aufbahrung und zur Trauerfeier wiederum in einem zweiten, aufwendiger gestalteten hölzernen Sarkophag versenkt wurde. Nach Fertigstellung des endgültigen Sarkophags wurde der schlichte Holzsarg in diesen gebettet, und der Tote fand seine letzte Ruhestätte in der Gruft.

Ein doppeltes Monument ewiger Liebe
Der Doppelsarg des Herrscherpaares, von seiner Größe und Form her eher ein Grabmonument, übertrifft alle Särge. Es wurde noch zu Lebzeiten Anton Ulrichs weitgehend fertiggestellt. Als Herzogin Elisabeth Juliane 1704 starb, wurde sie in dem außergewöhnlichen Doppelsarg aus Zinn bestattet, 10 Jahre später Herzog Anton Ulrich. Beide wurden zudem in zwei Holzsärgen bestattet, von denen der äußere mit Samt bespannt ist. Den Deckel ziert ein großes Stoffkreuz aus Seide mit einem nahezu bizarren Muster. Der innere Sarg ist außen mit schwarzem Wollfilz und innen mit goldgelbem Satin bezogen. Elisabeth Juliane trägt ein üppig gefälteltes Kleid aus goldgelbem Seidensatin mit breitem Kragen und passender Haube, unter der die blonden Haare einer Perücke erhalten sind. Am Fußende des Sarges liegen diverse Fragmente einer Spanschachtel, deren früherer Inhalt jedoch unbekannt ist.
Der äußere Holzsarg von Herzog Anton Ulrich ist ebenfalls mit dunklem Samt bespannt und an den Kanten mit einer gemusterten Borte aus vergoldeten Lahnfäden verziert. Das große Stoffkreuz auf dem Deckel besteht aus schlichtem hellgelbem Seidensatin. Der innere Sarg ist hingegen holzsichtig. Der Leichnam ist mit einem langen Mantel aus nun dunkelbraunem Samt bekleidet. Die Ärmel haben einen rötlichbraunen Aufschlag aus Seide. Darunter trug Anton Ulrich vermutlich ein langes Hemd.

Bürgerliche Bestattungen
Auch Bürger der Wolfenbütteler Heinrichstadt und verdiente Hofbeamte fanden hier ihre letzte Ruhestätte. Im Jahr 1747 wurden 13 Grabgewölbe gezählt, im 17. Jahrhundert wurden zudem mehr als 200 Leichname im Fußboden bestattet. Zahlreiche Grabplatten sind heute an den Kirchenwänden oder im Fußboden eingelassen. Betrachten Sie einmal  die Grabplatte Paul Franckes, dem ersten Baumeister der Hauptkirche. Der Grabstein des »Dreier Herzöge gewesener Baudirector« befindet sich heute am westlichen Wandpfeiler des südlichen Seitenschiffes. Das Grabdenkmal des fürstlichen Hofkapellmeisters Michael Praetorius (1571/72–1621), der unter der Orgel der Hauptkirche beigesetzt ist, wurde im 19. Jahrhundert zerstört, lediglich der Text der Inschrift ist erhalten.

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