Reiterdenkmal Herzog August

Mein Lieblingsort

Dr. Georg Ruppelt findet den Marktplatz einfach märchenhaft, nicht nur zur Weihnachtszeit …

Er ist Kopf, Herz und Bauch der Stadt, und er hat etwas Märchenhaftes: der Wolfenbütteler Marktplatz mit seinen wunderschönen Häusern früherer Jahrhunderte. In seinem alten Rathaus wird über das Schicksal der Stadt verhandelt, direkt gegenüber werden Ehen geschlossen. Man sitzt vor und im Café oder speist im Restaurant und trinkt danach vielleicht einen »Jägermeister«, den weltweit bekannten Likör, der in Wolfenbüttel erfunden wurde und hergestellt wird.

Gaumenfreude trifft Augenweide
An jedem Samstag und Mittwoch ist der Markplatz das Mekka von Genießern aus Stadt, Region und benachbarten Städten. In einer Zeit, in der plastikverpacktes Fastfood allgegenwärtig ist, kann man sich auf dem Wochenmarkt davon überzeugen, wie man mit wenig Geld leckere Gerichte mit frischen Zutaten bereiten kann. Frischeres Gemüse gibt’s nirgendwo, denn das meiste stammt aus der näheren Umgebung – etwa norddeutsche Köstlichkeiten wie Spargel, Bärlauch, Grünkohl oder auch Kartoffeln von besonderer Güte. »Marktbeschicker« lautet der offizielle Name der Händlerinnen und Händler – »Genussbeschaffer« mit dem Markenzeichen »saisonal und regional« wäre zutreffender.
Jahrhunderte lang war Wolfenbüttel eine Stadt, deren Einkommen große Gärtnereien garantierten – man merkt das heute noch. Und auch die Gartenstadt Wolfenbüttel hat etwas mit Märchen zu tun, denn bei einer Gärtnerfamilie lebte bis zu seinem Tod 1845 einer der Brüder Grimm. Es war freilich der »unbekannte Bruder« Ferdinand Philipp, der hier Märchen und Sagen sammelte und sie veröffentlichte.

Wochenmarkt-Einkauf
Der Wolfenbütteler Wochenmarkt: Anlaufstelle für Genießer

Dichtung & Sprache – zentral vereint
All diese Köstlichkeiten aus fruchtbarer Erde wollte man schon im vorletzten Jahrhundert konservieren und überregional vermarkten; so entstanden Konservenfabriken. Und auch dazu – man glaubt es kaum – gibt es literarische Bezüge. Der in hunderte von Sprachen übersetzte Dichter, Zeichner, Künstler, Urvater der Comics und Weltweise Wilhelm Busch machte Jahrzehnte lang im Sommer und zum Jahreswechsel Ferien bei seinem Neffen in Wolfenbüttel, der Inhaber einer Konservenfabrik war.
Es gibt auf dem Wolfenbütteler Wochenmarkt auch etwas, was mit Geld nicht bezahlbar ist: Gespräche über den Marktstand hinweg und zwischen den Kunden. Die Themenvielfalt ist so bunt wie die Menschen, die sich austauschen. Gern wird über Qualität und Geschmack der Ware gesprochen (»Wir bauen sieben Zwiebelsorten an«), oder es werden Tipps für ihre Zubereitung gegeben. Zeit für einen kleinen Klönschnack, für ein Späßchen ist überdies immer.
Sichtlich entspannt und zufrieden schaut der Wolfenbütteler Herzog August der Jüngere diesem vergnügten Treiben von seinem Sockel aus zu – an sein Pferd gelehnt und das Schwert friedlich in der Scheide. »Alles mit Bedacht!« war sein Wahlspruch. Als der Herzog 1666 starb, hinterließ er eine der berühmtesten Bibliotheken der Welt – damals als achtes Weltwunder gepriesen und heute von Gelehrten aus aller Welt besucht. In wenigen Schritten erreicht man vom Marktplatz aus die Herzog August Bibliothek  – und wenn man Glück hat, wird gerade das einst teuerste Buch der Welt ausgestellt, das Evangeliar Heinrichs des Löwen. Doch ein Besuch lohnt sich immer.
Über dieser Bibliothek strahlen seit dem 18. Jahrhundert zwei weitere weltweit bekannte Sterne des menschlichen Geistes: das »letzte Universalgenie« Gottfried Wilhelm Leibniz und der große Dichter der Aufklärung, Gotthold Ephraim Lessing. Leibniz leitete die Bibliothek 25 Jahre lang; Lessing schrieb hier sein berühmtes Drama »Nathan der Weise« und stand die letzten elf Jahre seines Lebens der Bibliothek vor.

Wolfenbüttel – ein echtes Wintermärchen!
Richtig märchenhaft wird es auf dem Wolfenbütteler Rathausmarkt aber im Winter. Der Weihnachtsmarkt lockt viele Besucher in die schöne, alte Stadt, die sich ihrer Märchennähe nicht schämt und sie auf vielfältige Weise gerade präsentiert.
Es gibt sogar ein originales Wolfenbütteler Weihnachtsmärchen – »Marktgeflüster« heißt es. Wir wollen es am Jahresende ganz erzählen. Hier folgt nur der Anfang:

»In der schönen alten Stadt im Harzvorland war es still geworden. Die Stände des geschlossenen Weihnachts­marktes ruhten sich von den vergangenen turbulenten Wochen aus, die Kirchgänger waren an den heimischen Weihnachtsbaum zurückgekehrt, kein Auto fuhr mehr im Zentrum der Stadt, kein Mensch war zu sehen: Mitternacht – aus dem Heiligen Abend war die Heilige Nacht geworden. Und mit der hat es ja, wie seit alters her bekannt und wie auch heute noch jedermann weiß, seine besondere Bewandtnis: Tiere sprechen, Bäume träumen, Unbelebtes wird belebt, die Wirklichkeit verschwimmt, und die Phantasie nimmt ihren Platz ein.
Und dies war genau die Stunde, in der sich seit vielen Jahren Freunde der besonderen Art trafen, fünf an der Zahl und alle vierbeinig. Eingeladen hatte wie immer Gustav, der Hengst vom Herzog-August-Denkmal in der Mitte des Marktplatzes. Ganz behutsam löste sich Gustav von dem an ihn gelehnten Herzog, der nun zusehen musste, wie er die Balance hielt, und glitt auf den Boden. Eng war’s hier, die Weihnachtsmarktbuden standen gemütlich dicht beieinander, denn man hatte sie natürlich nicht für Pferde als Kunden eingerichtet …«*

* Aus: Georg Ruppelt: Erlebtes – Erlesenes – Erdachtes. Hildesheim: Weidemann 2012.

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