Reiterdenkmal Herzog August

Die andere Seite der Aufklärung

Pst, kommen Sie mal näher: »Unsere goldene Regel lautet: Erzähle das, was du siehst und nicht das, was du weißt.«
Das schafft Vertrauen. Unterwegs mit Stadtführer Sebastian Mönnich.

Willkommen in Wolfenbüttel! Sie kommen von überall her: von nah und fern, aus allen Himmelsrichtungen. Und jetzt stehen sie vor mir: die Rentner, die Busreisenden, die Familienfeiern, die Studienabschlüsse, Hochzeiten, Klassenfahrten, Jungesellinnen, Reisejournalisten, Wander- bzw. Kegelvereine und viele andere – kurzum, die Teilnehmenden einer Stadtführung.

Auf geht’s! Aber wie?
Sie kennen das sicher: Gespannt, gelangweilt, hungrig auf Informationen, begierig auf die nächste Mahlzeit, voller Wut über horrende Preise für beschwerliche Busreisen oder voller Freude, sich nach dieser die Beine endlich vertreten zu können, versammelt man sich mit dementsprechendem Gesichtsausdruck am Treffpunkt. Doch alle sind gewillt, mir 60 bis 90 Minuten ihrer kostbaren Zeit zu schenken. In diesem Zeitfenster gilt es nun, ihnen Wolfenbüttel – als die einzig wahre Fachwerkperle entlang der Oker – näherzubringen. Zahlen und Namen muss man immer nennen – am besten in biblischen Ausmaßen. Das klingt wissenschaftlich und schafft somit Vertrauen. So denken die Teilnehmenden, man hätte Ahnung von dem, worüber man erzählt. An dieser Stelle verrate ich Ihnen mal etwas: Für eine Wolfenbütteler Stadtführung sollten vier Ziffern genügen.
»Merken Sie sich einfach das Jahr 1570. Wenn Sie nun die Fünf und die Sieben austauschen, erhalten Sie das Jahr 1750. Zwischen 1570 bis 1750 spielt sich der Großteil der Geschichte der Stadtführung ab. Denn um 1570 errichtete Herzog Julius ein urbanes Großraumbüro für seine Hofbeamten; eine sogenannte ›Residenzstadt‹. Um 1750 zog das Großraumbüro zurück nach Braunschweig, und der Behördenbetrieb wurde in Wolfenbüttel weitgehend eingestellt.«
Eine gute Eselsbrücke, um sich zwei der zentralen Eckdaten zwischen Stadtgründung und Residenzverlegung besser merken zu können, nicht wahr?
Doch glücklicherweise fühlen sich die Teilnehmenden nur ganz selten nicht vom höfischen Glanz, sondern von Lessing beflügelt. Diese kritischen Geister schenken ihrem Stadtführenden kein volles Vertrauen. Auch wenn sie nicht ganz bei der Sache sind, so fragen sie immerhin nach, während man erzählt: »Im Netz ist jedoch zu lesen, dass Herzog Julius mit dem Ausbau der Stadt 1568 begann, und der Hof 1753 bzw. 1754 zurück nach Braunschweig zog.« Die Art von Gästen hat man am liebsten. Sie sehen die Stadtführung als eine Art universitäre Veranstaltung – bitte. Allerdings bilden sie überaus seltene Ausnahmefälle.

Schloss Wolfenbüttel
Das Schloss Wolfenbüttel

Löwenbändiger & Kleinod-Entdecker
Es sind vielmehr die Frohgemüter, die einem folgen, lauschen und gerne lachen möchten. Doch um dies zu erreichen, muss man sich erst einmal deren Aufmerksamkeit verdienen.
Zum Glück startet eine Stadtführung in der Regel vor dem Schlossportal. Mit Hilfe der aufgemalten Fenster auf der Holzfassade schaffe ich es immerhin, ein Schmunzeln auf die Gesichter zu zaubern. Spätestens beim Bibliotheksquartier ertönt das erste Lachen. Nachdem ich Lessings Verhältnis zur Stadt und seine letzten Lebensjahre geschildert habe, schafft es ein Trinkspruch des Aufklärers, die Gäste in Heiterkeit zu versetzten. Es ist aber nicht nur die akustische Schokolade der Stimme, die dem Besucher schmeckt – das Auge isst ja bekanntlich auch mit. Wolfenbüttel gilt unter Touristen hierbei als ein reines Festmahl – kosten Sie mit! An erster Stelle: unsere Löwen. Die Kinder lieben sie: sei es der von der Wetterfahne auf dem Schlossturm, oder die vor der Herzog August Bibliothek. Auch die Wolf-Plastik am Löwentor lädt die Jungspunde gerne zum Reiten ein. Die Herren finden ihr Amüsement in den schiefen Balken der Fachwerkhäuser: Ein rudimentärer Heimwerkerstolz bricht hier wohl durch. Die Damen sind entzückt von der Bepflanzung in der einstigen Gärtnerstadt. Einig sind sie sich alle: Wolfenbüttel ist ein wahres Kleinod. Dies alles bietet der Abschnitt der ehemaligen fürstlichen Freiheit.

Er kann nicht reiten

Allerdings scheiden sich die Geister unweit des Rosenwalls: Beim schmalen Haus im Kleinen Zimmerhof ist man sich noch ziemlich einig, dass es schmal sei. Doch bei »Klein Venedig« (strenggenommen: »Klein Amsterdam«, da es Niederländer waren, die das Kanal-/Grachtensystem angelegt haben), kommt es zum Disput – die Liebesschlösser! Eine Partei der Gruppe spricht sich voll Gram vehement gegen und die andere wiederum volle Freude für diese aus. Eine ästhetische Diskussion, die man während einer Führung und hier erst recht nicht lösen kann …

Geplant, gehört & geraten
Die Stobenstraße entlang – vorbei an einer wirklich wunderschönen Tür – geht es zum Vorzeige- und Stadtmodell: eindeutig der Beweis dafür, was fürstlicher Wille und europäische Architektur- sowie Handwerkskunst mit den Idealen der Renaissance zu Stande gebracht haben. Liegen wir gut in der Zeit, bestaunen meine Gäste jetzt nicht nur diese Visualisierung der ersten planmäßig angelegten Stadt der Renaissance Norddeutschlands, sondern wir können uns auch eine Pause gönnen. Stillschweigend genießen alle das Glockenspiel am Eckhaus zur Bärengasse. Vorbei an der Kanzlei, die eine Stadt mit einem Hofstaat und Schloss erst zur Residenzstadt machte, geht es zum Stadtmarkt. Mit einem ehrfurchtsvollen Blick auf das Bankhaus Seeliger, verbunden mit der Geschichte der aus Frankreich geflohenen Familie Soulier, erläutere ich den neugierig Lauschenden jetzt das Wort »steinreich«. Auf dem Marktplatz selbst, bildet sich eine Traube um das Reiterdenkmal Herzog Augusts. Um den Monolog nun etwas zu unterbrechen, beginnt ein lustiges Rätselraten und Spekulieren in der Gruppe darüber, wieso denn der Herr nicht auf seinem Pferd sitze, sondern neben ihm stehe. Von »Er kann nicht reiten!« über »Er ist zu klein.« bis hin zu »Er war betrunken!« war schon alles dabei – so viel Kreativität kann auch für Stadtführer unterhaltend sein. Übermäßig getrunken haben andere Regenten, nicht wahr, Heinrich Julius?

Stadtmodell im Rathaus
Stadtmodell im Rathaus

Kennen Sie unseren größten Schlager?
Apropos Heinrich Julius: den Stadtmarkt verlassend, verweise ich gern an der Alten Apotheke auf das ins Fachwerk eingearbeitete grimmige Gesicht. Eine Fratze, die dem Volksaberglauben nach böse Geister und Dämonen vertreiben sollte, die nachts ins Haus kamen, um die Kleidung enger zu nähen oder gar Schlimmeres anstellten. Doch wenn der Aberglaube nicht helfen mag, schaffen es höhere Instanzen: Ich berichtete über die auf Heinrich Julius Bestreben gebaute Hauptkirche und die seit neuestem wieder begehbare fürstliche Grablege.
Zum Abschied wird es noch einmal musikalisch. Ich bitte meine Gäste, beim nächsten Adventsgottesdienst andächtig an Wolfenbüttel zu denken, wenn man das einzig bekannte Lied der Stadt singen würde: »Es ist ein Ros’ entsprungen.«
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit – machen Sie daraus doch einen Aufenthalt!

Info
Tipp für Ihren ersten Besuch in unserer Lessingstadt: Machen Sie eine Stadtführung!
Wählen Sie dazu aus unserem vielfältigen Angebot: öffentliche Stadtführungen, Themenrundgänge und Erlebnisführungen. Die ganze Auswahl finden Sie in unserem Reiseplaner, auf unserer Internetseite und unserer App. Am besten aber nehmen Sie direkt mit der Tourist-Info Kontakt auf; dort finden wir sicher die zu Ihnen passenden Variante.

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