Jörn Zeisbrich an einem Whiskyfass

Whisky und Feinkost aus Wolfenbüttel

Bald wird es einen exklusiven Wolfenbütteler Whisky geben. Ich* besuche Jörn Zeisbrich in der Langen Herzogstraße 58 – dort, wo vor 18 Jahren seine produktive Gemeinschaft mit der Lessingstadt begann.

Der weltweit bekannte Kräuterlikör mit dem Hirschkopf – das ist das Erste, was man mit Wolfenbüttel kulinarisch verbindet. Eine Stadt, die nicht zu den Wirtschaftsmetropolen zählt, und deshalb als Provinz gilt – trotz einer langen Geschichte.

Fußgängerzone Wolfenbüttel
Ort für neue Ideen: Die historische Altstadt Wolfenbüttels ©Christian Bierwagen, Stadt Wolfenbüttel

Das mag daran liegen, dass die Zeit der Residenz, als vom prächtigen Renaissance-Schloss noch Politik gemacht wurde, in einer Epoche lag, wo es mehr um kulturelle Dinge ging. Die erhaltenen Baudenkmäler erfreuen zwar den Betrachter, aber sie haben heute nicht unmittelbar einen Gegenwert. Als die Zeit der großen industriellen Revolution das Leben in einen strengen Zeittakt zwängte, da war die Lessingstadt bereits ein verschlafenes Nest im Schatten der Braunschweiger Metropole. Und trotzdem gab es an der Oker einen fruchtbaren Boden für zündende Geschäftsideen. Gut 50 Jahre, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, produzierte die Firma Zickerick Maschinen für Landwirtschaft, Brauereien, Brennereien und Zuckerfabriken. Sie war damals richtig bekannt. Der Name Welger steht noch heute für Landwirtschaft. Ebenfalls in der Zeit des Bismarck-Reiches gingen Gemüsekonserven aus Wolfenbüttel in die ganze Welt. Nach dem zweiten Weltkrieg waren es modische Tonmöbel, die den Namen der Stadt bekannt machten. Und nun gibt es den »Jägermeister«. Die Zeit der regionalen Betriebe schien vorbei. Die globalen Spieler bestimmen die Regeln. Und mancher befürchtete, dass eine kulturelle und wirtschaftliche Monokultur die Folge sein könnte.

Wiederentdeckung der Region

Aber, unter dem Einheitslack der globalisierten Welt gedeiht erneut die ganze Vielfalt menschlicher Kreativität – und das besonders aus der Provinz und aus den alten Strukturen. Nicht nur in Wolfenbüttel schießen kleine Unternehmen und Ideen wie Pilze aus dem Boden. Das ist auch in der Langen Herzogstraße 58 der Fall. Wer vor der Hausfront des Fachwerkhauses bei einem gemütlichen Stadtbummel stehen bleibt, der mag zunächst nur denken: Barrique. Ach, ein Franchiseunternehmen. Seit 18 Jahren führt Jörn Zeisbrich inzwischen den Laden. Allerdings auf einzigartige Art. Wenn ich mich in dem engen, mit Köstlichkeiten vollgestellten Laden umsehe und umhöre, spüre ich Individualität.

Jörn Zeisbrich und seine Frau im Laden
Jörn Zeisbrich und seine Frau ©Andreas Molau, Stadt Wolfenbüttel

Nicht selten trifft man Menschen aus den umliegenden Städten, die nur wegen der persönlichen Beratung Jörn Zeisbrichs nach Wolfenbüttel kommen. Der Mann in den Vierzigern wirkt mit seinen langen Haaren und Zopf auf den ersten Blick, als käme er gerade aus einem Jugendzentrum – Typ Sozialarbeiter, Toskana-Fraktion. Und da ist, schaut man sich seine Biografie an, einiges dran. Mit viel Ruhe und Humor erklärt er seinen Kunden, was geschmacklich harmoniert, was für ihren Gaumen an Wein, Gebranntem, Saucen, an Süßem oder Deftigem passt. Wenn Jörn Zeisbrich über Weine und Kulinarisches spricht, bekomme ich Hunger.

Whisky aus Wolfenbüttel

Ich habe mich mit Jörn Zeisbrich verabredet, um mehr über den Mann zu erfahren, der mit einer eigenen Brennerei einen Wolfenbütteler Whisky auf den Markt bringen will. Damit entwickelt sich die Stadt nach den ersten Kleinbrauereien und Gourmetinitiativen weiter zum Genussstandort in Südniedersachsen. Der frisch gebackene Whiskyproduzent wickelt gerade noch hinter dem Tresen, der unter einer Treppenschräge liegt, eine Flasche Wein für eine Kundin ein – mit persönlicher Widmung beschriftet – und macht bei der Verabschiedung auf die nächste Veranstaltung in seinem Wein- und Feinkostgeschäft aufmerksam.

Weinflasche wird beschriftet
Bei Barrique bekommt jedes Geschenk eine persönliche Note ©Clemens Meyer-Hoitz, Stadt Wolfenbüttel

Ich folge ihm über die knarzende Treppe hinauf. Es geht durch das Lager im ersten Stock und durch den zweiten Stock, wo sich eine kleine Küche befindet, bis auf eine zauberhafte Dachterrasse. Keine Wand im Haus scheint gerade. Keine Treppenstufe, wie die andere. Freunde von Iso-Normen dürften nicht glücklich werden in so einem Haus, das mit der Zeit zu leben und sich zu verändern scheint. Ecken und Kanten sind abgepolstert und mit roten Warnhinweisen versehen, damit sich niemand den Kopf stößt – hier ist der Beweis, dass unsere Vorfahren kleiner gewesen sein müssen.

Das Lager von Barrique
Das Lager von Barrique ©Andreas Molau, Stadt Wolfenbüttel

Über den Dächern von Wolfenbüttel

Über den Dächern der Altstadt sitzen wir in bequemen Korbstühlen. Während Jörn Zeisbrich über sein Leben spricht, wandern meine Augen über diese verschachtelten und verwinkelten Dächer, die nicht die Pracht der Fassaden außen zeigen, sondern von den Mühen erzählen, in denen hier über Jahrhunderte Lebensraum gewachsen ist. Wolfenbüttel wurde dem Sumpf und Morast abgetrotzt und blüht bis heute auf dem »urbar« gemachten Land. Hier war der Platz, von dem aus die Lebensgeschichte Jörn Zeisbrichs eine wichtige Wendung genommen hat. »Es war immer so in meinem Leben. Wenn ich das Gefühl hatte: Das ist die richtige Entscheidung. So musst Du das machen. Dann spürte ich ein Prickeln.«

Jörn Zeisbrich auf Dachterrasse
Jörn Zeisbrich über den Dächern Wolfenbüttels ©Andreas Molau, Stadt Wolfenbüttel

Als er vor 18 Jahren zusammen mit Barrique diesen Standort aussuchte, prickelte es offenbar. Und es erfüllte sich das, was sich der Unternehmer, seit seiner Kindheit, vorgenommen hatte: selbstständig und kreativ sein Leben zu gestalten. Dabei war das ein langer Weg, der ganz in der Nähe, in Gifhorn begann. Seine Eltern waren, neben der sicheren Bank, einer Anstellung bei VW, mit einem kleinen Lebensmittelgeschäft selbstständig. Und obwohl nach dem Realschulabschluss eine obligatorische Lehre beim Konzern anstand, wusste Jörn Zeisbrich von Anfang an, dass das nur eine Etappe sein würde.

Auf der Suche

»Mir hat die Lehre viel gebracht, aber ich wusste, dass das nicht der Endpunkt ist«, berichtet er. Nach der VW-Episode machte er erstmal sein Fachabi und studierte in Braunschweig Sozialwesen. Inzwischen gibt’s den Studiengang an der Fachhochschule in Wolfenbüttel. Zeisbrich studierte und arbeitete in der Jugendarbeit, um sich Geld für die Fachhochschule zu verdienen. Außerdem kickte er in der Landesliga Fußball: »Da konnte man sich ein kleines Taschengeld verdienen«. Aber die Idee schlummerte immer: Es müsse sich etwas mit Kulinarik und kaufmännischem ergeben. Dann der erste Versuch: ein Marktstand mit Tees. Er kaufte diese in größeren Mengen und versuchte sie, auf dem Markt zu verkaufen. Allerdings seien es nicht die Top-Märkte gewesen, auf die er gekommen sei. »Ich wusste, dass es das noch nicht sein kann. Aber ich wollte es probieren«, erinnert er sich. Die ganze Sache lief eine Weile und währenddessen – neben Studium und Jugendarbeit – besuchte er Gründermessen, um nach der richtigen Idee Ausschau zu halten. Und die entdeckte er mit Barrique.

Regal mit Fässern
Bei Barrique bekommt man Essig, Öl, Liköre und mehr zum Abfüllen ©Andreas Molau, Stadt Wolfenbüttel

Das Richtige: Barrique

»Das war genau das, was ich mir vorstellte. Weine. Gutes Essen. Ideal.«, erzählt er und räumt ein, dass er das Projekt erst allein habe aufziehen wollen. Er suchte nach den richtigen Lieferanten und einem guten Standort. »Ich habe dann aber sehr schnell erkannt, dass das mit einem guten Partner besser geht«, gibt er zu. Und nach der Standortsuche begann die Geschichte, die jetzt mit dem vorläufigen Ende, dem Aufbau einer Whiskybrennerei im Landkreis Wolfenbüttel, ihren Höhepunkt gefunden hat. Stufe, für Stufe entwickelte Zeisbrich die Dinge weiter. Nicht mit dem großen Masterplan, aber dem Gespür, wie sich sein Projekt entwickeln lassen würde.

Barrique in der Wolfenbütteler Fußgängerzone
Vor dem Laden finden Fassabfüllpartys statt ©Clemens Meyer-Hoitz, Stadt Wolfenbüttel

Der erste Schritt dazu war die Idee, Fassanteile zu verkaufen. »Ich war gerade von einer Sensorikschulung auf dem Weg nach Hause, und da kam mir die Idee, ganze Fässer mit Whisky zu verkaufen, um – wenn ich schon nicht selbst produzieren kann – die Anteile zu vergeben«, erinnert er sich. Da war es wieder, dieses prickelnde Gefühl. Zeisbrich steuerte erst einmal die nächste Raststätte an, um die Dinge genau zu durchdenken. Zwischen Planung und Umsetzung verging nicht viel Zeit. Seitdem gibt es in Wolfenbüttel große Whisky- oder Rumfass-Abfüllpartys, wo sich die Genussfreunde auf ihre, in Wolfenbüttel veredelte Spezialität, freuen. Dieser Erfolg war schließlich die Grundlage dafür, dass Jörn Zeisbrich neue Visionen umsetzen und entwickeln konnte.

Eigene Dinge produzieren

Aber es sollte noch mehr kommen. Während sich der Laden stabilisierte, Zeisbrich in Zusammenarbeit mit Barrique inzwischen eigene Saucen und andere Spezialitäten kreierte, machte er langsam den Weg für eine eigene Brennerei frei. Die Kooperation mit Barrique sei die Voraussetzung für diese freie Entwicklung gewesen. »Das ist nicht so, wie man sich manche Franchise-Unternehmen vorstellt, wo man in Ketten gelegt und auf Umsatzzahlen reduziert wird«, erklärt er. Von Anfang an sei die Kooperation ein Geben und Nehmen gewesen. Nur so könne am Ende Kreatives entstehen, meint er. So sei etwa die gesamte Feinkostsparte anfangs von ihm selbst bei verschiedenen Großhändlern angekauft worden. Nach und nach sei das Sortiment auch für alle Betriebe ausgeweitet worden. Und heute produziert das Unternehmen in Zusammenarbeit mit den Franchisenehmern selbst exklusive Feinkostprodukte wie etwa neuerdings Suppen. Und trotzdem war da der Hunger, etwas ganz Eigenes zu haben: den Whisky aus Wolfenbüttel.

Bücher über Whisky
Lektüre zur Weiterbildung ©Andreas Molau, Stadt Wolfenbüttel

Der Whiskyhof

Der Laden, die Veranstaltungen abends und die Familie – damit nicht genug: Zeisbrich erlernte noch das Brennhandwerk, u.a. an der Universität Stuttgart und schaut sich seitdem in ganz Deutschland Brennereien an, um sich Anregungen für sein Projekt zu holen. Ich kann kaum glauben, wie der Mann das alles schafft und trotzdem immer noch so ruhig, gelassen und fröhlich wirkt. In Winnigstedt – Schauplatz einer neuen Buchkrimiserie, die den Namen in Deutschland bekannt gemacht hat – und Dorf am ehemaligen Zonenrandgebiet im Landkreis Wolfenbüttel fand er vor knapp zwei Jahren den geeigneten Hof. »Diesmal war es nicht das Prickeln auf den ersten Blick, aber nach einer Woche waren meine Frau und ich uns einig, dass das unser Whiskyhof werden wird«, erzählt er. Und vor einem Jahr wurde mit einem großen Fest Einweihung gefeiert. Seitdem zieht er sich etwas aus dem Geschäft heraus und der Hof wird umgebaut.

Jörn Zeisbrich im Whiskyhof
Hier entsteht etwas Neues: Der Whiskyhof ©Andreas Molau, Stadt Wolfenbüttel

Stadt und Umland

In der Zeit, wo Jörn Zeisbrich mit seiner Familie inzwischen dort wohnt, hat sich einiges getan. Die großen Gebäude und ehemaligen Stallungen wurden und werden behutsam renoviert und umgebaut. Ein bisschen ist es so, wie der Wolfenbütteler Standort in der Altstadt: viel Geschichte, viel Individualität und gleichzeitig viel Potenzial für Neues. Als das erste Whisky-Hoffest gefeiert wurde, da pilgerten Stadt und Umland ins verschlafene Winnigstedt, das sich pittoresk in die hügelige Landschaft des Nördlichen Harzvorlands einbettet. Als dort Musik und Kulinarik mit vielen hundert Menschen gefeiert wurde, konnte man daran erinnert werden, dass der Gegensatz von Stadt und Land immer nur theoretisch ist.

Bald geht es los

2018 wird er mit der Produktion loslegen. Zuerst mit Getreide- und Obstbränden Made in Wolfenbüttel. »Hier, in der alten Gärtnerstadt, gibt es viel schönes Obst, dass das ein guter Grundstock für die weitere Entwicklung sein wird«, meint er. Und während das Leben auf dem Whiskyhof schon losgehen wird, wird der erste Whisky aus der Region auf den verwinkelten Dachböden in Ruhe reifen. Jörn Zeisbrich schaut am Ende des Gespräches gelassen über die Dächer der Wolfenbütteler Altstadt und lächelt: »Die Zeit nehmen wir uns.« Und dann ahne ich, dass hinter seiner Stirn bereits neue Ideen aufflackern. »Wir müssen uns in dieser Zeit immer neu erfinden«, erklärt er und analysiert die wirtschaftliche Situation sehr nüchtern. Die sei für den Einzelhandel und kleine Betriebe immer noch sehr schwierig. Die Innenstädte kämpften gegen den Internethandel und die großen Einkaufszentren und Outlets am Rande der Metropolen. Die Kundenfrequenz in den Innenstädten ginge zurück. Schließlich gebe es da noch das »Geiz ist geil« und die Tatsache, dass Billigproduzenten und Discounter auch stärker auf einer Feinkostschiene arbeiteten. »Besondere Weine oder kulinarische Spezialitäten gibt es immer wieder auch auf der Billigschiene. Das ist dann die Herausforderung zu zeigen, dass wir besser sind«, meint er. Ein Selbstläufer sei ein Feinkostgeschäft wie seines nicht. Wenn er über diese Entwicklungen spricht, ist das aber keine Klage, wie schlecht die Welt werde. Und das früher alles besser gewesen sei. Eher klingt es wie eine Herausforderung und der feste Wille, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.

*Wer ist eigentlich „ich“?
Hallo, ich bin Andreas. Ich bin verheiratet und habe zwei Kinder. Ich studierte Deutsch, Geschichte und Politik in Göttingen und war acht Jahre lang Lehrer an einer Waldorfschule. Beruflich bin ich heute selbstständig für das Textbüro dat medienhus tätig. Seit Herbst 2016 blogge ich für die Lessingstadt Wolfenbüttel bei den aboutcities und jetzt auch mal hier.

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