Inkje Drescher von Prunkstücke

Goldschmiedekunst in Wolfenbüttel

Wolfenbüttel ist die Stadt des Geistes, der Freiheit, des Genusses – aber auch der Kreativität und der Handwerkskunst. Ich besuche die Goldschmiedin Inkje Drescher, die das Erbe eines göttlichen Gewerks in die Zukunft trägt.

Die griechische Mythologie erzählt die Geschichte von Hephaistos, dem Sohn der Götter Zeus und Hera. Wie es oft mit den Nachkommen berühmter Paare ist: Sein Lebensweg verlief zunächst nicht so strahlend, wie er es sich wünschte. Die Mutter warf den zu kleinen, hässlichen Jungen vom Olymp auf die Erde. Dort nahmen ihn Meernymphen auf und lehrten ihm die Kunst des Schmiedens. Unter seiner Hand entstand Schmuck und Geschmeide, wie der berühmte Dreizack des Meeresgottes Poseidon sowie das Zepter für seinen Vater Zeus. Als listenreicher Gott des Feuers ist Hephaistos für die Menschenwelt noch heute ein Vorbild für das Handwerk der Kunst- und Goldschmiede.

Faszinierende Menschen

Wenn unter der Hand des Menschen etwas Schönes entsteht, dann gibt es mir den Glauben an die Menschheit für einen Augenblick zurück. Deshalb finde ich Goldschmiede so faszinierend. Obwohl bei mir kein Schmuckkauf ansteht, besuche ich trotzdem gern einen Goldschmied der kreativ arbeitet. Manchmal habe ich Glück und kann ihnen sogar bei der Arbeit kurz über die Schulter sehen. Wie zum Beispiel in der Werkstatt bei Inkje Drescher, kurz hinter dem Wolfenbütteler Bahnhof stadtauswärts in Richtung »Kaltes Tal«. Hier besuche ich eine Vertreterin dieser alten Zunft, in der es um Hitze, aber vor allem auch um eine feine Hand und viel Ideenreichtum geht. Hinter der Kreuzung am Kino, gleich neben einer Glaserei verrät ein Schild, was ich bei Inkje Drescher bekomme: »Prunkstücke«. Im Logo erkenne ich einen Vogel. Während wir in ihrer kleinen Werkstatt mitten im Garten sitzen, erzählt mir die Goldschmiedin, was es mit dem Vogel auf sich hat. »Das ist natürlich eine Elster, die etwas Kostbares stibitzt«, erklärt Inkje Drescher und lacht dabei ausgelassen. Ich höre ihr zu und spüre bereits nach wenigen Sätzen, dass sie für ihren Beruf brennt. Die Werkstatt mit großen Fenstern, der alte Garten mit einer mächtigen Buche und das Fachwerkhaus aus dem 19. Jahrhundert, auf das wir blicken, während sie über ihr Tun berichtet: All das wirkt stimmig, und so als könnte es gar nicht anders sein.

Aus der Werkstatt habe ich einen tollen Blick in den alten Garten.
Ein Blick in den verzauberten Garten. © Andreas Molau, Stadt Wolfenbüttel

Wenn Beruf von Berufung kommt

Bei Goldschmieden erinnere ich mich häufig daran, dass das Wort Beruf von Berufung kommt. So wie bei Inkje Drescher. »Eigentlich war mir lange Zeit gar nicht klar, was überhaupt das Richtige für mich ist. Der Beruf der Goldschmiedin kam mir erst gar nicht in den Sinn«, erinnert sie sich. Und das, obwohl sie bereits als Kind immer schon gerne und fleißig gebastelt hat. Nach ihrem Abitur, das die gebürtige Braunschweigerin in der Region machte, folgte deshalb erst mal ein Studium fürs Grundschullehramt. »Immerhin war Kunst und gestaltendes Werken schon dabei mein Schwerpunkt «, so Drescher. Aber nach zwei Jahren zog sie die Notbremse, denn dieser Berufszweig war nicht das Richtige für Sie. Deshalb musste es einen Neustart geben. Vorher zog sie Bilanz: Was kann ich? Was möchte ich? Daraus entstand bei ihr der dringende Berufswunsch, eine Lehre als Goldschmiedin zu absolvieren. Dass sich diese Idee derartig erfolgreich entwickelt, hat sie vielleicht schon damals geahnt. Dabei ist es nicht entscheidend, was andere denken. »Meine Eltern waren nicht begeistert«, meint sie. Aber diese Skepsis hat sie trotzdem nicht davon abgehalten, ihren Traum zu verwirklichen. Denn am Ende ist es doch so: Herzenssachen, die wir aus innerer Überzeugung machen, die gelingen am Ende auch. Nur das, was wir halbherzig angehen, bleibt auf der Strecke.

Inkje Drescher an ihrem Arbeitsplatz – immer gut gelaunt.
Inkje Drescher an ihrem Arbeitsplatz – immer gut gelaunt. © Andreas Molau, Stadt Wolfenbüttel

Vom Praktikum zum Ausbildungsplatz

Die Reaktion ihrer Eltern ist verständlich, denn heute wie damals gibt es Berufe mit besseren Berufsaussichten. Das Einkommen eines Goldschmiedelehrlings ist höchst begrenzt. Die Möglichkeiten eine Ausbildungsstelle zu finden, sind noch begrenzter. Wenn Inkje Drescher heute inmitten ihrer kleinen Kostbarkeiten mit strahlenden Augen sagt: »Goldschmied zu sein ist ein Segen«, dann ahne ich etwas von der Energie, die die junge Frau damals aufgebracht hat, um sich ihren Weg zu bahnen. Sie zog für ihre Ausbildung bis nach Köln. »Dort kannte ich Leute, und ich war fest entschlossen, dass es hier mit einem Ausbildungsplatz klappen würde«, so Inkje Drescher. Der Weg bis zu ihrem ersten Ausbildungstag war aber dennoch dornig. Gottlob hat sie in den Jahren weitgehend vergessen, was ihr damals viel Mühe und Plage bereitet hat. Klinkenputzen und von Goldschmiede zu Goldschmiede laufen und sich Absage um Absage holen. »Das ist ja sehr schön, dass Sie Goldschmied werden möchten, aber bei uns geht das nicht«, wurde ihr immer wieder gesagt. Aber aufgeben? Das war dabei nie eine Option für Inkje Drescher. Und so kam es, wie es kommen musste: Ein Goldschmied ließ sich zu einem Praktikum breitschlagen. Aus dem Praktikum wurde eine Ausbildung und aus der Auszubildenden später eine Meisterin, die heute Zeugnis dafür ist, dass Wolfenbüttel kreative Köpfe (und Hände) hat. Und was ihr bleibt, sind ihre positiven Erinnerungen an ihre Lehrlingstage.

Jedes Schmuckstück eine Herausforderung

»Meine Ausbildung war sehr hart. Aber ich habe viel gelernt«, erinnert sie sich und lässt ihre Blicke durch den Garten schweifen, während gerade ihre Kinder nach Hause kommen. In der Werkstatt knistert das Feuer eines kleinen Ofens. Nach den vielen Stationen in Köln, der Ausbildung, der Gründung einer Familie, der Rückkehr nach Braunschweig und schließlich der Umzug in die Lessingstadt Wolfenbüttel, sollte sich hier Leben und Arbeiten an einem Ort für sie realisieren. Das sei nicht leicht, gibt sie zu bedenken, denn sie muss ihre Arbeit von ihrer Freizeit und Familie trennen können. »Für mich kam meine jetzige Selbständigkeit auch nur deshalb in Frage, weil meine Kinder groß genug sind«, meint sie. Schwierigkeiten hat sie stets aus dem Weg geräumt, um anschließend durch neue Türen zu gehen. Da sei die Zeit nach der Ausbildung gewesen, bei der sie sich ins kalte Wasser geworfen gefühlt hat. »Jedes Schmuckstück stellt eine neue Herausforderung dar und viele Dinge musste ich mir noch nach der Lehre aneignen«, erklärt sie. Es ist bis heute so, dass Inkje Drescher immer wieder an neuen Techniken feilt. Es gab und es gibt immer wieder Schwierigkeiten und Hindernisse. Gleichzeitig spürt sie, dass alles so sein muss und so sein musste.

Auf diesem kunstvoll gestalteten Ring sind viele Formen zu sehen.
Wie viele Formen passen auf einen Ring? © Andreas Molau, Stadt Wolfenbüttel

Der Weg zu neuen Ideen

Ihre Werkstatt ist dafür ein gutes Beispiel: Die Schmiedewerkstatt, in der sie regelmäßig Kurse für interessierte Laien anbietet, war früher ein Gartenhaus. Ich habe den Eindruck, dass die Nutzung als Schmiedewerksatt die eigentliche Bestimmung für dieses Gartenhäuschen gewesen sein muss. Die großen Glasflächen waren schon da – sogar ein Anschluss für einen Kamin. Und so prasselt nun im Winter ein gemütliches Feuer, während Inkje Drescher ihrer Leidenschaft nachgeht. Jedes Jahr macht sie sich von Wolfenbüttel auf ins ferne München, um dort Steine zu kaufen. »Ich sammle das ganze Jahr über in einem Büchlein Ideen und gehe dann in München über die Messe, um die richtigen Objekte zur Verwirklichung für meine Projekte zu kaufen«, erzählt sie. Dabei ist es ein bisschen so, als ob sie mit Hunger einkaufen geht, schmunzelt die Goldschmiedin. Es landet gelegentlich ein wenig zu viel im Wagen: »Oft sehe ich einen Stein und danach kommt mir eine Idee. Dann sehe ich das Schmuckstück direkt vor meinen Augen. Manchmal finden aber auch die passenden Steine für eine Idee zu mir«, verrät sie. Die Erfahrung mache ihren Kopf erst richtig frei. Am Anfang zahlte sie Lehrgeld: »Manchmal denke ich mir tolle Sachen aus, die aber dann nicht realisierbar sind. « Aber auch mit der »Praktikabilitätsschere« im Kopf sei sie kaum eingeschränkt: »Die Welt der Goldschmiede ist so groß, dass die Möglichkeiten nicht ausgehen. «

Einzelstücke werden bearbeitet.
Dieser Schmuck ist gerade in Arbeit. © Andreas Molau, Stadt Wolfenbüttel

Jeder bekommt seine persönliche Beratung

Fünf Jahre ist Inkje Drescher selbstständig, und sie feiert dieses Jubiläum mit einer Begeisterung, die ansteckend ist. Für sie gehört der bürokratische Aufwand und die Buchführung eben zum Ganzen dazu und ist Teil der großen Aufgabe: »Vom ersten leeren Blatt bei der Betriebskonzeption bis zur ersten gefüllten Vitrine war es ein weiter Weg, bei dem ich jede Herausforderung gern angenommen habe. « Schließlich ist es auch der kommunikative Aspekt, den sie schätzt. Von den kleinen Wünschen, die schon ab 30 Euro erfüllbar sind, bis zu den ganz großen Träumen könne sie viel realisieren. »Häufig ist es auch so, dass jemand ein Stück sieht, das er sich nicht leisten kann. Aber gemeinsam mit dem Kunden findet sie Materialien, die ins Budget passen und trotzdem glücklich machen«, verrät sie.

Ein Ring ist Schmuck ohne Anfang und Ende.
Das Ding ohne Anfang und Ende: Der Ring. © Andreas Molau, Stadt Wolfenbüttel

Ganz egal, ob es der junge Mann ist, der aufgeregt Trauringe sucht oder ein Kunde, der aus dem Schmuck seiner Eltern oder Großeltern etwas Neues machen möchte: Jeder bekommt seine persönliche Beratung. Goldschmiede sind gleichzeitig Künstler, Handwerker und Händler. Sie brauchen ein gutes Auge, ein offenes Ohr und eine geschickte ruhige Hand. Egal ob ich an die Kraft von Steinen oder Metallen glaube, die sie auf Menschen haben, oder ob ich am Ende einfach nur fasziniert vom Schönen bin – schon ein Ring schafft es, mich aus meinem Alltag heraus zu heben und mich dem Göttlichen ein bisschen näher zu bringen. Dass Menschen wie Inkje Drescher diesem besonderen Gewerk mit Feuereifer nachgehen, hebt die Qualität dieser schönen Stadt.