Rosenkavalier Casanova im Renaissancessal Wolfenbüttel

Lust auf Casanova?

Als ich* mich vor einigen Jahren damit beschäftigte, eine neue Figur für das Museum im Schloss in Wolfenbüttel zu entwickeln, stieß ich bei meiner Recherche in der Wolfenbütteler Stadtgeschichte immer wieder auf den Umstand, dass offenbar der berühmte Italiener Giacomo Casanova in Wolfenbüttel war. Laut eigener Aussage habe er hier die „acht glücklichsten Tage“ seines Lebens verbracht. Das erschien mir sehr unglaublich und geradezu abenteuerlich. Sollte tatsächlich einer der bekanntesten Menschen der Geschichte mal in Wolfenbüttel zu Gast gewesen sein, und wenn ja, wieso, warum, weshalb?

Ich war nun derartig neugierig geworden, dass ich es genau wissen wollte. Casanova hatte seine Memoiren geschrieben; da müsste es doch drinstehen. Aber, wer hätte das gedacht, Casanovas Memoiren käuflich zu erwerben, war nicht so einfach, weil: ausverkauft und eine Neuauflage ist nicht in Sicht. Lediglich in dem einen oder anderen Antiquariat ist noch die 12-Bändige Ausgabe aus den späten 60er Jahren zu finden. Nachdem ich mir nun die Lebensgeschichte des Venezianers besorgt hatte, der Paketbote brachte ein ziemlich schweres Paket zu mir nach Hause, begann ich gleich mit der Lektüre. Ich tauchte ein in die Welt des 18. Jahrhunderts.

Casanova beschreibt ein ganzes Jahrhundert, wie es vor ihm und nach ihm kein anderer getan hat. Ein Zeitzeuge einer Zeit des Umbruchs, und auf Seite 62 des zehnten Bandes wurde ich fündig: Casanova in Wolfenbüttel!

Im Mai 1764 war er aus Braunschweig, wo er bei seinem Neffen zu Besuch war, geflüchtet und nach Wolfenbüttel gekommen. Was für eine Chance dachte ich mir, und meine Schauspielerfantasie begann sofort zu arbeiten. Wie wäre es, wenn ich, inzwischen durch das Museum im Schloss mit der Darstellung historischer Figuren vertraut, Casanova auferstehen ließe, um ihn regelmäßig nach Wolfenbüttel kommen zu lassen…

Hier hat Casanova gewohnt: Kron von Spanien
Hier hat Casanova gewohnt: Kron‘ von Spanien ©Stephanie Angel, Stadt Wolfenbüttel

Damals gab es in Deutschland niemanden, der den Venezianer darstellte. So war schnell die Idee geboren, als Casanova mit den Menschen gemeinsam zu speisen. „Dinnertheater“, wie es in Fachkreisen genannt wird. Natürlich war das Stadtmarketing von dieser Idee sofort begeistert. So wurde es möglich, dass ich als Casanova an einem Valentinstag vor vielen Jahren das erste Mal aufgetreten bin. Natürlich waren viele der Zuschauer erstaunt, in Wolfenbüttel auf Casanova zu treffen und noch mehr über den Umstand, dass der angeblich „größte Liebhaber aller Zeiten“ tatsächlich mal in Wolfenbüttel war, hier vor ihrer Haustür gewissermaßen. Inzwischen hat es sich herumgesprochen in der ganzen Region und darüber hinaus, dass Casanova jedes Jahr am Valentinstag erneut nach Wolfenbüttel kommt, um im historischen Renaissancesaal im Schloss mit den Gästen ein Drei-Gang-Menü und einen vergnüglichen Abend zu genießen.

Oft werde ich dann schon während des Essens gefragt: „Wie war er denn so, der Casanova?“ und „Stimmt das alles, was man über ihn liest?“. Wobei eine Frage den Gästen immer wichtiger scheint, als alle anderen: „Hat er hier in Wolfenbüttel auch eine Frauengeschichte erlebt?“. Und alle diese Fragen beantworte ich natürlich nicht als Schauspieler, sondern als Casanova. Ich möchte den Gästen während des gesamten Abends das Gefühl vermitteln, dass da tatsächlich Casanova vor ihnen steht, der aus der Zeit zurückgereist ist und mit ihnen am Tisch sitzt, und kein Schauspieler. Um das hinzubekommen, bedurfte es zuerst einer Menge Übung in der Sprache. Vor 260 Jahren haben die Menschen ganz anders gesprochen als in der heutigen Zeit, aber immerhin war Casanova ein kleines Sprachgenie. Er hat tatsächlich Deutsch gesprochen, natürlich neben dem Italienisch und Französisch. Außerdem konnte er ein paar Brocken Englisch und sogar Russisch war ihm nicht fremd. Also hat er auch Probleme, sich mit den Wolfenbüttelern in gepflegtem Deutsch zu unterhalten.

Interessant ist allerding immer wieder die Erwartungshaltung der Gäste. Treffen sie da tatsächlich auf den „größte Liebhaber aller Zeiten“, oder nur auf einen charmanten Hochstapler? Natürlich sind die Memoiren Casanovas mit Vorsicht zu genießen. Er beschreibt sich natürlich so, wie er sich selber sieht, lässt die negativen Dinge weg, zeichnet ein Bild von sich, als einen galanten, multikulturellen Reisenden, der vor allem eins liebt: nämlich zu unterhalten! Und das kann er! Launig beschreibt er seine Kindheit, seine Jugend und sein Leben. Und, kaum zu glauben aber wahr: die Frauen spielen in seinen Aufzeichnungen nur eine Nebenrolle, eine bedeutende zwar, aber nur eine Nebenrolle. Und so beschreibt er nicht nur seine Reisen durch ganz Europa mit einer großen Liebe zum Detail, sondern auch seine Liebesabenteuer werden unglaublich präzise und ausführlich geschildert.

Für mich als Schauspieler bedeutet das immer eine Gradwanderung, denn schließlich wollen die Gäste auch hören, was sich in Casanovas Liebesleben abgespielt hat. Aber wieweit darf ich ins Detail gehen, was muss ich auslassen, ohne die Gäste zu enttäuschen? Und überhaupt: Welches Bild zeichne ich von dem Venezianer?

Nachdem ich seine kompletten Memoiren gelesen habe, alle seine Briefe und unzählige Bücher über ihn, habe ich mich entschieden die Rolle, die diese Figur erfordert, einfach als Mensch zu zeichnen; ein Mensch mit Ecken und Kanten, ein Mensch mit Schwächen und mit Stärken, und eben als einen der es genießt, anderen seine Lebensgeschichte zu erzählen, bei einem guten Glas Wein und bei einem leckerem Essen. Deshalb freue ich mich schon auf den nächsten Valentinstag, wenn ich den goldenen Rock anziehe, die Perücke aufsetzte und in die Rolle des Kosmopoliten schlüpfen werde: am 14. Februar im Renaissancesaal im Schloss Wolfenbüttel (oder für Gruppen gern auch zu jedem anderen Termin auf Anfrage).

*Wer ist eigentlich „ich“?
Ich bin Andreas Jäger, Jahrgang 1963, immer schon auf Spurensuche in der Braunschweiger Geschichte, bekannt als „Tanzmeister de la Marche“ in Wolfenbüttel und als „Giacomo Casanova“. Nach meiner Ausbildung zum Schauspieler in Hamburg bin ich über Engagements in Altenburg und Regensburg in meine Geburtsstadt Braunschweig zurück gekehrt, wo ich mit meiner Familie lebe. Ich liebe nicht nur das Theater, sondern auch das Kino und die Kunst im Allgemeinen und genau darüber berichte ich seit Februar 2015 täglich auf Radio38. Privat liebe ich es in Venedig zu sein und mag, neben einem guten Glas Weißwein, ganz besonders die Filme von Woody Allen.

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